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Ich wollte einen Exhibitionisten anzeigen – das ist passiert

von Sonja Siegenthaler

15 OKTOBER 2018

Life

Modeassistentin Sonja hat auf dem Nachhauseweg im Zug mehrfach erlebt, wie ein Mann plötzlich zu masturbieren begann. Ihre Erfahrungen mit der Polizei sind ernüchternd.

Wie jeden Tag sitze ich im Regionalzug von Olten nach Hause. Auf halber Strecke steigt ein junger Mann mit einer Trainerhose in den beinahe leeren Zug ein. Dass ich diese graue Trainerhose aus dickem Fleecestoff nie wieder vergessen werde, weiss ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Er setzt sich breitbeinig zu mir ins Abteil und fängt an, sich im Schritt zu kratzen. Aus dem Kratzen wird ein langsames Streicheln. Mein Herz hämmert wie wild. Ich starre auf meinen Handybildschirm, dessen Inhalt nicht annähernd zu mir durchdringt. Durch die sich spiegelnde Fensterscheibe wage ich einen kurzen Blick auf den Mann. Ja, unter der Hose zeichnet sich deutlich sein erigiertes Glied ab. Alles in mir verkrampft sich. Mein Magen dreht sich um. Ich spüre seine Blicke.

Was jetzt? Ich will abhauen, mich aber gleichzeitig von niemandem in ein anderes Abteil verdrängen lassen – den Triumph gönne ich ihm nicht. In meinem Kopf kreisen Sätze in Endlosschleife: "Du wirst gerade sexuell belästigt." "So fühlt es sich also an." "Wehr dich!" Die Angst lähmt mich aber. Nach einer gefühlten Ewigkeit steht der Mann auf und verlässt den Zug – als ob nichts gewesen wäre. Ich schlottere, mir ist schlecht. Ich könnte zusammensacken und weinen, aber ich reisse mich zusammen. Ich fühle mich genug gedemütigt. Mitleid von irgendjemanden ist das letzte, was ich jetzt will.

Ich erstarre, wenn ich breitbeinige Typen im Zug sehe

Zur Polizei gehe ich nicht. Das ist eh ein Bagatelldelikt, denke ich, er hat seinen Penis ja nicht mal ausgepackt. Es ist ein Bagatelldelikt, der mich immer wieder erstarren lassen wird, sobald sich im Zug jemand ruckartig bewegt oder ich einen Typen breitbeinig dasitzen sehe. Und es sollte nicht das letzte Mal sein.

Zwei Jahre später, dieselbe Situation: Ein junger Mann sitzt mir in einer Camouflage-Jeans gegenüber. Auch diese Hose brennt sich in mein Gedächtnis ein. Aus anfänglichem Kratzen wird Streicheln. Aus dem Streicheln wird Onanieren. Er hält sein nacktes, steifes Glied in der Hand und sieht mir dabei direkt in die Augen. Ist es der gleiche Mann wie letztes Mal? Ich kann es nicht sagen. Mein Gehirn ist leer, mein Körper wie eingefroren. Ich bin panisch. Aber ich habe aus dem letzten Mal gelernt – ich will mich wehren. Heute werde ich nicht aus dem Zug steigen und mich wie ein Opfer fühlen. Angetrieben durch das Adrenalin, springe ich auf und schreie: "Pack deinen Schwanz wieder ein oder ich ruf die Polizei!" Er – sowohl auch ich – sind überrascht von meiner Reaktion. In Sekundenschnelle steigt der Typ aus dem Zug.

"Da können wir leider nichts tun"

Am Abend überschlagen sich meine Gedanken: Warum zur Hölle ist mir das schon wieder passiert? Soll ich dieses Mal zur Polizei gehen? Muss ich für eine Anzeige bezahlen – ich, mit meinem Studentengehalt? Müsste ich die Gerichtskosten übernehmen? Habe ich überhaupt Beweise? War eine Überwachungskamera in der Nähe? Werde ich am Ende noch wegen übler Nachrede bestraft, weil ich keine Zeugen habe? Mit jeder Frage schwindet mein Vorsatz mehr und mehr. Bis das dritte Mal geschieht.

Dieselbe Strecke, dasselbe Geschehen, diesmal eine graue Jeans. Es reicht. Ich zücke mein Handy und mache ein Foto von dem Perversen, der anschliessend unter meinen lauten Wut-Tiraden den Zug verlässt. Endlich habe ich einen Beweis. Ich bin heilfroh, dass der Typ nicht auf mich losgegangen ist. Mit zittrigen Händen wähle ich die Nummer der Bahnpolizei, die wie ein schützendes Kruzifix an jeder Fensterscheibe angebracht ist. Die Polizei, dein Freund und Helfer, nun auch meiner. Mit bebender Stimme schildere ich dem Bahnpolizisten den Vorfall, verhasple mich vor lauter Nervosität und Angst, vergesse Details, hoffe auf Rat, auf Schutz, auf Hilfe. "Da können wir leider nichts tun. Rufen Sie die Polizei an" meint der vermeintliche Freund und Helfer am anderen Ende. Wieso leitet mich die Bahnpolizei an die Polizei weiter? Wofür ist die Bahnpolizei denn da?

Woher soll ich die Kraft nehmen?

Also schildere ich das Geschehene erneut – diesmal der hoffentlich "richtigen" Polizei. Die ganze emotionale Tortur von vorn. Und dann traue ich meinen Ohren kaum: Nachdem ich zum zweiten Mal die ganze Geschichte einem wildfremden Menschen erzählen musste, werde ich wieder an eine weitere Stelle verwiesen – ich müsse mich an einen Posten der Kantonspolizei wenden. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen, sogar ein Beweisfoto gemacht, und werde wie ein Pingpong-Ball von einer Stelle zu nächsten geschickt? Woher soll ich die Energie und die Kraft nehmen, das Geschehene einem weiteren Polizisten zu schildern, der sich dann vielleicht wieder nicht dafür verantwortlich fühlt? Und welche Kantonspolizei ist überhaupt dafür verantwortlich – der Kanton Solothurn, wo die Belästigung geschah oder der Kanton Bern, wo ich wohne?

Ich bin nie zum Polizeiposten gegangen und bereue es bis heute.

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich immer ungläubig den Kopf geschüttelt, wenn ich von sexuellen Belästigungen und Übergriffen gehört habe, die nicht der Polizei gemeldet wurden. Man sollte doch in einem so sicheren Land wie der Schweiz einfach Unterstützung bekommen können. Mittlerweile weiss ich es besser. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es einer vergewaltigten Frau gehen muss, wenn sie von einer Stelle zur nächsten geschickt wird und wieder und wieder erzählen muss, was ihr Furchtbares passiert ist. Mit dem Risiko, dass ihr am Ende nicht einmal geglaubt wird.

Sonja hat den Mediendienst der Kantonspolizei Bern kontaktiert. Dazu in Kürze mehr.

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