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"Ich will wieder Langeweile!"

von Karin Zweidler

19 AUGUST 2016

Life

Friday-Redaktorin Karin Zweidler hatte ewig keine Langeweile mehr. Sie glaubt, dass es ihrer ganzen Generation so geht – und will sie zurück.

An verregneten Sonntagen und in den Schulferien war es am schlimmsten. Dann nämlich, wenn es unanständig war, Freunde auf dem Festnetz ihrer Eltern anzurufen oder alle mit ihren Familien in Italien badeten, in Schweden campten oder im Engadin wanderten. Übrig blieb: Ich. Und ein Kinderzimmer voller Bücher, die ich schon gelesen hatte, voller Spielsachen, die allein keinen Spass machten – Langeweile.

Ich kann mich gut an sie erinnern. Ein lähmendes und gleichzeitig quirliges, ein unter- und gleichzeitig überforderndes Gefühl. Eins, das ich immer möglichst schnell wieder loswerden wollte. Und weil von meinen Eltern immer nur "Zimmer aufräumen" als Unterhaltungs-Vorschlag kam, lernte ich damals schnell, dass ich dafür selber zuständig war. Mittlerweile bin ich erwachsen. Und hatte ewig keine Langeweile mehr. Auch nicht sonntags und auch nicht, wenn es regnet.

Wenn ich mal nichts zu tun habe, gibts immer noch das Internet

Warum auch? Wenn ich mal nichts zu tun habe, dann habe ich immer noch das Internet. Mein Smartphone zum Beispiel, auf dem Nachrichten – manchmal im Minutentakt – aufploppen. Wenn niemand schreibt, lese ich Online-Artikel. Wichtige, spannende, bildende, und wenn ich müde bin, solche, die Spass machen. Bin ich zum Lesen zu müde, streame ich eine Serie – ungesehene Folgen gibts genug. Heisst aber nicht, dass ich auf dem Handy nicht gleichzeitig doch jemandem schreiben kann, wenn ich merke, dass ich auf Alleinsein keine Lust habe: Käffchen? Easy. Und wenn alle Stricke reissen oder gern auch einfach nebenbei: Facebook, Insta, Snapchat, Insta, Facebook – und von vorn.

Ist überhaupt noch Platz für eigene Gedanken?

Ich, wie jeder Mensch mit Internet-Zugang, werde regelrecht zugespamt mit Informationen. Was Neues gibts immer, fertig, werde ich, wir alle: nie. Das mag auf den ersten Blick angenehm sein. Das lästige Nicht-ausgefüllt-Sein erledigt sich mit einem Klick, einem Fingerwischen. Auf den zweiten ist es schade. Denn: Wer immer beschäftigt ist, hat keinen Platz und keine Zeit für eigene Gedanken. Wer immer beschäftigt ist, füllt seinen Kopf schon mit dem, was er gerade konsumiert oder tut.

Ich will wieder nichts tun – und doch ganz viel

Langeweile macht erfinderisch. Die verregneten Nachmittage meiner Kindheit, an denen ich nichts mit meinem neunjährigen Ich anzufangen wusste, führten dazu, dass ich Zeit hatte, auf eigene Ideen zu kommen und vor allem: mich in eigene Welten zu träumen. Und heute? Bin ich top informiert, top unterhalten und weiss sofort Bescheid, wenn die Freundin vom Cousin meiner besten Freundin am Dienstag eine #girlsnightout hatte.

Ich will sie zurück, die Langeweile. Ich will meinen Gedanken nachhängen, ohne dass sie ein Ziel haben. Ich will mir aktiv über Themen Gedanken machen und nicht nur die Artikel anderer Leute darüber lesen. Ich will gähnende Leere in meinem Kopf, damit mehr Platz für Eigenes ist. Ich will Nichts-Tun – und doch ganz viel.

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