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Stephanie Severence

Ich war mit dieser Band eine Woche auf Tour – und das ist passiert

von Yvonne Eisenring

30 OKTOBER 2018

Life

Einmal mit einer Band auf Tour. Das muss man einmal gemacht haben, fand Autorin Yvonne Eisenring und fuhr mit einer Rockband aus Texas durch die USA.

Die nächsten Tage bin ich mit The Mammoths auf Tour. Quer durch den Südosten der USA. Dass ich mich zu wenig auf diesen Trip vorbereitet, geschweige denn irgendetwas recherchiert habe, zeigt sich gleich bei meiner Ankunft am Flughafen Charleston in South Carolina. Hier werde ich von David, Michael, Tim und Tyler abgeholt. Ich habe zwei Pullover und eine dicke Daunenjacke an. In New York, wo ich herkomme, ist Winter. Hier ist es 35 Grad Celsius.

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The Mammoths vor ihrem Konzert in Athens, Georgia

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Ich in Charleston am Pier

The Mammoths sind eine "up-and-coming" Rockband aus Austin, wie es in den hiesigen Medien heisst. Sie haben eine grosse Fangemeinschaft in Texas und werden von Musikmagazinen, lokalen Fernsehstationen und Radios gefeiert. Im Rest der Staaten haben sie zwar meist volle Konzertsäle, aber ohne Nebenjobs würden sie nicht durchkommen. Wir trafen uns im Sommer 2017 in den Rocky Mountains. Wir wohnten per Zufall gleichzeitig ein paar Tage bei gemeinsamen Bekannten und verstanden uns auf Anhieb. All paar Monate schrieben sie mir danach, ich solle einmal mit ihnen mitkommen. "Get in the van with us!" Irgendwann sagte ich zu.

Ich bin ständig hungrig

Vor dem Konzert in Charleston schlürfen wir Drei-Dollar-Margaritas und Austern. Hätte ich gewusst, dass diese paar Muscheln mein Abendessen sind, hätte ich nicht einen zweiten Margarita, sondern einen Burger bestellt. Aber was ich nach den Tagen auf Tour gelernt habe: Iss so viel wie möglich, wenn es zu essen gibt, denn es gibt selten zu essen. Zu ihrer Belustigung bin ich ständig hungrig. Sie nicht. Aber ich bin mir dieses Tourleben auch nicht gewöhnt. Dass der Körper viel Bier als eine volle Mahlzeit akzeptiert, braucht Training, erkläre ich ihnen immer wieder.

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Austern und Margharitas zum Znacht

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Die Band performt auf einer Dachterrasse

Ich lerne ebenfalls: Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Es ist zwei Uhr morgens und acht Männer, die vier Bandmitglieder plus vier lokale Musiker, kommen in Fahrt. Woher sie diese Leute kennen – irgendwie kennen sie überall alle –, weiss ich nicht. Sie tauschen alle paar Minuten die Instrumente, trinken Bier und kiffen, jeder scheint in seiner Welt, seinem Film zu sein – aber was sie spielen, klingt erstaunlich gut. Kurz vor vier Uhr liege ich am ersten Tag im Bett, besser gesagt auf einem Sofa, im Wohnzimmer eines Freundes von ihnen. Die Alternative wäre eine dünne Matte in einer Abstellkammer gewesen. Ich wählte das Sofa. Fehlentscheid! Das Sofa ist zu kurz – entweder mein Kopf oder meine Füsse fallen über den Couchrand. Zum Glück bin ich so müde, ich schlafe sofort ein.

Tim ist eigentlich Restaurant-Manager

Die Tage ähneln sich. Abends geben The Mammoths Konzerte – das Publikum ist vorwiegend weiblich –, die Tage verbringen wir im Van. Wer zuhinterst liegt, darf schlafen. Wer fährt, darf entscheiden, welche Musik gespielt wird. Michael Jekot, der Gitarrist, hat seinen Laptop auf dem Schoss, er arbeitet für eine Pharma-Firma. David Kapsner, der Leadsänger, telefoniert. Er rekrutiert Leute für ein Unternehmen, das Solarzellen verkauft. Tim Durand, der Schlagzeuger, hat zwei Jobs, wenn er zuhause ist. Er ist Restaurant-Manager und Pfleger. Tyler Rush ist Architekt, und hat einen sehr netten Chef, der ihn immer wieder mehrere Wochen auf Tour gehen lässt. Alle vier haben einen Uni-Abschluss. Und alle vier haben ihre "guten" Jobs für den Musiktraum aufgegeben.

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Tim Durand, der Schlagzeuger der Band, ist heute der Fahrer

Mich beeindruckt diese unermüdliche Energie. Diese Zielstrebigkeit. Was ihr Ziel ist, wissen sie zwar nicht wirklich. Sie machen einfach. Weil sie lieben, was sie machen. Erst als ihr Manager, ein junger Typ namens Matt, vorschlägt, dass sie 2019 neun Wochen am Stück durch den Westen des Landes touren sollen, sind sie einstimmig dagegen. Das wäre zu viel des Guten.

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Sandwiches stehen regelmässig auf dem Menüplan

Je länger ich unterwegs bin, desto besser gefällt mir dieses Leben. Ich bin sogar richtig begeistert, wie viele skurrile Momente man auf so einer Tour erlebt. Meine liebste, weil absurdeste Bekanntschaft, ist eine Frau in Athens, Georgia, die uns in ihrem riesigen Haus beherbergt. Sie hat alte Schallplatten, die ein Vermögen wert sind, was sie aber nicht wusste. In ihrem Kühlschrank finden wir einen Sack voller "Magic Mushrooms", das einzig Essbare in ihrem Haushalt ist eine Pizza, die vor ein paar Monaten abgelaufen ist. Aber weil gefroren, noch ganz in Ordnung für einen Drei-Uhr-morgens-Snack – finden wir.

Würde ich das wieder tun?

In Atlanta steige ich wieder in den Flieger. Ob ich wieder einmal mitkomme, fragen sie. Ich überlege kurz – unbequeme Sofas, lange Autofahrten, ständig Hunger –, dann nicke ich. Mit ein paar Snacks im Rucksack würde ich wiederkommen. Dieses Tour-Leben gefällt mir. Warum, weiss ich nicht genau. Ob es die Musik ist? Das gemeinsame Streben nach einem grossen Ziel? Oder einfach die Unlust, erwachsen zu werden und ein vernünftiges, wirtschaftlich-logisches Leben zu beginnen? Ich kann nicht wirklich beschreiben, was die Faszination ist. Ich glaube, man muss es selber einmal erleben.

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Von Atlanta fliege ich zurück nach New York

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