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"Ich riss mir büschelweise Haare aus"

von Andrée Getzmann

15 FEBRUAR 2019

Health

Christine* litt jahrelang an Trichotillomanie: dem Zwang, sich Haare auszureissen. Die 33-Jährige hat uns von den Jahren des Schämens erzählt, von ihren Schuldgefühlen und davon, wie sie den Zwang hinter sich liess.

"Hör auf an dir rumzuzerren", sagte eine Arbeitskollegin zu mir. Ich war etwa 24 Jahre alt, arbeitete während meines Dolmetscher-Studiums für das Rote Kreuz und fühlte mich ertappt. Es war das erste Mal, dass mich jemand darauf ansprach.

Dass ich mir Haare ausriss, war mir bis dahin gar nicht bewusst gewesen, und ich erinnerte mich auch nicht daran, wann es angefangen hatte. Wahrscheinlich vor Jahren. Meine Kollegin liess den Begriff Trichotillomanie fallen. Ich hatte davon schon gehört, mit mir in Verbindung brachte ich das aber nicht. Ich zupfte mir gelegentlich Haare aus, ja, ok. Aber ein Problem? Nein, das hatte ich nicht.

Dennoch machten die Worte etwas mit mir. Ich nahm das Zupfen an meiner Stirn plötzlich wahr. Es war mir peinlich. Doch ich zupfte weiter, einfach heimlicher. Ich war überzeugt, die Sache im Griff zu haben.

Christine

Ich wusste genau, wie ich die Haare föhnen musste

Niemand merkte es. Ich wusste genau, wie ich die Haare föhnen musste, damit keiner die kahle Stelle und die verkümmerten krausen Härchen an meiner Stirn sah. Ich riss nur die Haare an der Stirn aus, immer an derselben Stelle. In meinen schlimmsten Zeiten nahm ich ganze Strähnen, machte einen Knoten rein und riss mir das Büschel vom Kopf.

Manchmal schaffte ich es, den Impuls so weit zu unterdrücken, dass ich nur sehr stark an den Haaren zerrte, statt sie ganz auszureissen. Welche Schmerzen ich mir damals zugefügt habe! Doch der Druck war zu gross; ich konnte einfach nicht aufhören. Ich riss vor dem Fernseher, vor dem Computer. Wenn ich Stress hatte, wurde es schlimmer.

Das Reissen verschaffte mir Erleichterung. Das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle kamen immer postwendend. Ich kämpfte und kämpfte gegen den Zwang. Doch je mehr du kämpfst, desto mehr verlierst du.

Christine

Mein Freund nahm mich ernst

Ich war knapp 29, als ich meinen Freund kennen lernte, meinen jetzigen Verlobten. Als wir ein halbes Jahr zusammen waren, traute ich mich zum ersten Mal, mit jemandem zu sprechen. Irgendwie ging von da an alles bergauf.

Ich war erstaunt, dass er nichts gemerkt hatte. Aber er nahm mich ernst, und das tat mir so unglaublich gut. Ich fing an, mich ernsthaft mit meinem Leiden auseinanderzusetzen. Im Internet stiess ich auf die Möglichkeit von Hypnose. Nach langem Zögern vereinbarte ich einen Termin.

Christine

Es ist wie ein neues Leben

Mein erster Termin in der Hypnose-Praxis war wider Erwarten entspannt. Der Coach und ich redeten viel. Noch unterwegs nach Hause kamen plötzlich Erinnerungen aus meiner Kindheit hoch, harmlose, etwa, wie mich ein Mitschüler beim Basteln mit irgendwas in die Seite piekste.

Und dann habe ich einfach aufgehört, mir die Haare auszureissen. Ich kann es nicht erklären.

Zwei Wochen später hatte ich eine weitere Sitzung. Diesmal war es sehr intensiv und aufreibend, eine Reise in die Vergangenheit, zu Momenten, als ich mich schwach fühlte. Ich weinte viel.

Seit der Therapie vor drei Jahren habe ich mir keine Haare mehr ausgerissen. Es ist wie ein neues Leben. Manchmal habe ich Angst, dass ich wieder anfange, zum Beispiel jetzt, wenn ich darüber rede. Doch es wird nicht passieren.

Bei meiner Hochzeit diesen Sommer werde ich meine Haare zu einem Chignon binden. Darauf freue ich mich.

*Name geändert

Das sagen Experten zu Trichotillomanie

Zwischen 0,5 und 3,5 Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an Trichotillomanie, also dem Zwang, sich selber Haare auszureissen. In 96 Prozent der Fälle ist laut Steffi Weidt, Leitende Ärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, das Kopfhaar betroffen, in 32 Prozent das Schamhaar, in 14 bis 15 Prozent der Fälle Brauen und Wimpern.

Wie viele Menschen genau unter Trichotillomanie leiden, sei aber schwer zu sagen, erklärt Torsten Spielmann, der in Lenzburg gemeinsam mit seiner Frau eine Hypnose- und Coaching-Praxis führt und auf "Trich" spezialisiert ist.

Denn: Die meisten Betroffen getrauten sich nicht, über ihr Problem zu sprechen. "Manche schaffen es über Jahrzehnte, die Krankheit vor ihrem Partner zu verstecken", so Spielmann. "Und beim Umfeld fehlt es oft an Verständnis, der Betroffene solle doch einfach aufhören, heisst es dann. Aber mit Willenskraft hat das nichts zu tun." Der Teufelskreis aus Druck, Erleichterung und Schuldgefühlen spiele sich im Unterbewusstsein ab.

Es gibt verschiedene Therapien bei Trichotillomanie. Bei rund 85 Prozent seiner Patienten helfe das spezialisierte Coaching welches direkt mit dem Unterbewusstsein arbeitet, sagt Spielmann, und: "Der Erfolg ist aber immer auch von den Betroffenen und ihrer Einstellung abhängig."

Psychiaterin Steffi Weidt erwähnt ergänzend zu schulmedizinischen Behandlungen Entspannungstechniken und Selbsthilfegruppen. Auch sie ist der Meinung: "Jeder Patient muss individuell ausprobieren, wem oder welcher Methode er vertraut."

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