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"Ich hätte dich abtreiben sollen"

von Stephanie Vinzens

2 AUGUST 2018

Life

Eure Reaktionen auf unsere Story zu emotionalem Missbrauch haben uns klar gemacht, dass wir mehr darüber sprechen müssen.

Diese Woche haben wir über #SprücheUnsererMütter berichtet – einem Twitter-Hashtag, unter dem zahlreiche Userinnen und User vom emotionalen Missbrauch in ihrer Kindheit erzählen. Sprüche wie "ich stecke dich ins Heim" oder "du warst ein Unfall" mögen zwar keine blauen Flecken hinterlassen, doch Experten sind sich einig, dass diese Art von Missbrauch der Psyche ebenso schadet wie körperliche Gewalt. Betroffene leiden im Erwachsenenalter oft unter Depressionen, mangelndem Selbstwertgefühl und Angststörungen.

Wir haben den viralen Hashtag zum Anlass genommen, um unsere Leserinnen zu fragen, ob auch sie in ihrer Kindheit Ähnliches erlebt haben. Eure ehrlichen Reaktionen darauf haben uns sehr berührt und machen klar: Wir müssen mehr darüber sprechen.

Userin Florence erzählt uns: "Wenn ich als kleines Kind was ausgeleert hab, hat sie mich übel beschimpft. (...) Auch Sachen wie ich hätte dich abtreiben sollen, hat sie schon gesagt." Userin Eine_Frau dagegen kann noch heute kaum über den Missbrauch sprechen. Die Demütigungen, die sie sich als Kind anhören musste, seien zu schmerzhaft, um sie im Detail aufzuschreiben. Auch Userin Kati leidet noch heute unter dem Missbrauch. So sei sie ständig vom Gefühl geplagt worden, ihrer Mutter nicht zu genügen. Dies wirke sich auch auf andere Lebensbereiche aus: "In meiner Beziehung fühle ich mich oft so, als würde mich mein Partner nicht genug lieben."

Alkohol, Obdachlosigkeit und mangelndes Selbstvertrauen

Ein besonders schweres Schicksal hatte Userin Trixie: Sie merkte mit zehn Jahren, dass ihre Mutter alkoholabhängig ist: "Wir wurden beschimpft, bestraft und beleidigt. Liebe zeigen konnte sie nicht." Als Jugendliche sei sie mehrmals zum Hausarzt gegangen und hat um Hilfe gebeten. Dieser konnte jedoch nichts unternehmen, solange die Mutter physisch nur sich selbst schadet. "Den psychischen Schaden konnte man ja nicht sehen."

Auch Userin Starcatcher und ihren zwei Geschwistern wurde die Hilfe verwehrt – von ihrer eigenen Mutter, die den Stiefvater schützte. Weil emotionaler Missbrauch öffentlich nie thematisiert wird, habe sie als Kind gar nicht verstanden, wie ihr geschehe und sich gedacht: "Wenigstens schlägt er mich nicht." Die Folgen seines emotionalen Missbrauchs wurden erst später sichtbar: Die Geschwister hatten mit Alkohol, Obdachlosigkeit und mangelndem Selbstvertrauen zu kämpfen.

Auch eine Mutter hat sich gemeldet

Während die meisten noch heute unter ihrer Kindheit leiden, gehen sie aber unterschiedlich damit um. Userin Hannah hat den Kontakt zu ihrer ganzen Familie abgebrochen. Dies gelingt Userin Trixie nicht: "Sie terrorisiert uns immer wieder. Selbst die Polizei war schon eingeschaltet und ich hab langsam akzeptiert, dass das ein kleiner Bestandteil meines Lebens ist." Userin Starcatcher hat in ihren Geschwistern Halt gefunden: "Auch heute haben wir ein sehr enges Verhältnis. Wir haben es alle drei geschafft, sind glücklich und machen es bei unserem Nachwuchs (hoffentlich) viel besser."

Ein Kommentar hat uns besonders überrascht. Userin Mom hat zugegeben, dass auch ihr schon schlimme Sachen rausgerutscht sind. Die Familie musste jeden Rappen umdrehen und besonders die Schulzeit war hart: "Andere Kinder hatten bereits einen Computer oder ein Natel. Meinen Kidis versuchte ich zu erklären, dass bei uns das nicht einfach so geht." Ihre Kinder hätten darauf mit Trotz reagiert und Dinge kaputt gemacht. Da seien auch ihr Worte wie "du chunsch langsam aber sicher is Heim" rausgerutscht. Ein Akt der Hilflosigkeit. Heute habe sie das jedoch mit ihren Kindern geklärt – und beide Seiten haben sich für ihr Verhalten entschuldigt.

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