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Ich habe meine Achselhaare wachsen lassen - und das ist passiert

von Melanie Biedermann

20 JULI 2018

Life

Friday-Autorin Melanie Biedermann hat zum ersten Mal ihre Achselhaare spriessen lassen und dabei mit eigenen Vorurteilen gebrochen.

Miley Cyrus und “Girls”-Star Jemima Kirke brachten es vor drei Jahren auf rote Teppiche, Künstlerin Arvida Byström zeigte ihren Wildwuchs 2017 in der Adidas-Originals-Kampagne und Lourdes Leon tut es aktuell für Converse. Achselhaar scheint im Mainstream angekommen, kontrovers diskutiert wird es trotzdem noch.


Das Tamtam um ein Büschel Haar konnte ich dabei nie recht nachvollziehen. Soll Achselhaar wirklich ein Trend sein? Oder sogar Rebellion? Ich sah nie Grund, mir meines wachsen zu lassen. Und auch keine andere Frau in meinem näheren Umfeld. Unästhetisch fand ich Achselhaare spätestens seit der Flut hübscher Lifestyle-Kampagnen nicht mehr. Ekel empfand ich höchstens beim Gedanken an Schweiss, der darin verkleben könnte. Ob das überhaupt stimmt, wusste ich nicht. Ich rasierte, seit es in frühen Teenagerjahren zu spriessen begann. Jetzt, mit 32, überkam mich die Neugier. Ich liess mir zum allerersten Mal die Achselhaare wachsen.


Muss man das jetzt frisieren?

An Tag 2 ohne Klinge zeigten sich wie immer die ersten Stoppeln, und an dem Status änderte während gut zehn Tagen nur wenig. Ich war überrascht und ein bisschen genervt. Es erinnerte ans Fransen-Rauswachsen-Lassen: Der Übergang ist oft kein guter Look, man verliert leicht die Geduld. Mein zweiter Stolperstein: Je dichter, desto breiter wächst es. Kein Witz, aber die Einsicht: Selbst beim Achselhaar gibts diverse Formate. Meines mochte ich nicht besonders. Aber was tun? Doch rasieren? Oder, ernsthaft, frisieren?


Weder noch. Mein Breitwuchs-Dilemma war natürlich Blödsinn, fehlgeleitete Eitelkeit. Tatsächlich reagierte um mich herum kein Mensch, wenn mir bei Bikini-Wetter Haar aus den Achseln schaute. Wer eine Form zu erspähen versuchte, vollzöge einen Fetisch-Stunt. Aber nochmal: Woran liegts? Warum ist dieses Thema so dauerbrisant und gleichzeitig im Alltag so unterrepräsentiert? Die Geduldsprobe und die Macht der Gewohnheit sind Erklärungen. Das eigentliche Problem liegt aber da, wo auch meine anfängliche Angst gründet.


Mein Ex konnte es nicht glauben, dass Frauen Haare wachsen 

Niemand in meinem Umfeld fand mich mit Achselhaar plötzlich abstossend, aber es fielen Worte wie Feminismus, Hippie, Punk. Im Subtext hörte ich: hysterisch, nachlässig, igitt. Ich spürte die klassischen Stigmata wie eh und je; es sind keine begehrenswerten Stempel.

Meli

Autorin Melanies Achselhaar-Selfie.

Ein anderes Beispiel macht die Sache deutlicher: Mein Ex, ein liberaler Typ mit Hang nach links, schreckte mit unmissverständlich angeekeltem Blick auf, als er eines Tages lange schwarze Härchen um meinen Bauchnabel entdeckte. Seine Reaktion war so vielsagend wie meine: "Beim Zupfen übersehen." Er konnte tatsächlich nicht glauben, dass mir als Frau da Haare wachsen. Statt zu fragen, was denn eigentlich das Problem war, schämte ich mich.


Egal war mir mein Körperhaar bei Weitem nicht. Es möglichst akribisch verschwinden zu lassen, war knapp zwanzig Jahre lang Routine in meinem Alltag, meine Augenbrauen zupfe ich bis heute täglich. Ich will gefallen, es ist ein urmenschliches Bedürfnis. Um es zu erfüllen, messe ich mich und meinen Körper aber an Idealen, die mir von Medien und der Gesellschaft jahrzehntelang vermittelt wurden. Was mein eigenes Ideal wäre, hatte ich mir trotz der Flut an Body-Positiv-Predigten, die ich seit vergleichsweise kurzer Zeit mit Amen kommentierte, nie überlegt. Wirklich bewusst wurde mir das, als ich mein Achselhaar nach gut sechs Wochen wieder abrasierte.


Was passierte, als die Haare wieder ab waren

Es war heiss und ich war überzeugter denn je, dass meine Achseln kahl frischer bleiben würden. Doch natürlich brachte die Rasur weder schwitz- und mief-technisch Erleichterung. Und mehr: der prepubertäre Look meiner Achseln schien mir optisch plötzlich unvorteilhaft. Breitwuchs hin oder her, ich hatte mich daran gewöhnt.


Inzwischen sehe ich, warum Frauen wie Miley, Jemima, Arvida und Lourdes ein Tamtam verursachen. Sie sind Exotinnen in einer Welt voll enthaarter Frauen und tragen die anhaltenden Stempel und Stigmata ohne zurückzukrebsen. Das kann man durchaus als Rebellion sehen. Denn neutral wird das Thema Achselhaar wohl erst, wenn nicht nur einzelne, sondern der Grossteil der Menschen merkt: Es sind verdammtnochmal nur Haare, das Natürlichste der Welt.

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