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“Ich bin gegen sture Altersgrenzen bei Sterilisationen”

von Gloria Karthan

10 JANUAR 2019

Life

Eine 28-jährige Deutsche will sich sterilisieren lassen und blitzt damit bei mehreren Ärzten ab. Wir haben bei einer Gynäkologin nachgefragt, wie die Situation in der Schweiz aussieht.

Ein Arzt nach dem anderen verwehrt einer Twitter-Userin aus Leipzig die Sterilisation. Hier gehts zu unserem Bericht und hier gibts eine Zusammenfassung eurer ergreifenden Inputs zum Thema.

Prof. Sibil Tschudin ist Leitende Ärztin der Frauenklinik am Universitätsspital Basel. Wir haben ihr vom Fall in Deutschland und euren Leserkommentaren erzählt und sie zum Thema befragt.

Prof. Tschudin, gibt es in der Schweiz Guidelines, wie man mit dem Wunsch junger Frauen, sich sterilisieren zu lassen, umgeht? Nein. Es gibt zwar ein offizielles Aufklärungsformular von der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, aber die Ärzte betrachten jeden Fall einzeln und lassen ihre eigenen Erfahrungen einfliessen. Gleichzeitig muss man die Autonomie der Patientin respektieren. Es ist eine Gratwanderung.

Warum kann der Arzt oder die Ärztin einen solchen Eingriff verweigern? Die medizinische Fachperson muss hinter dem Eingriff stehen und ihre Bedenken anbringen können. Meist wird der Eingriff nicht partout verweigert, aber es kommt ein Beratungs- und Entscheidungsprozess ins Rollen, in dem die Lebenssituation ganzheitlich betrachtet wird. So handhaben wir das jedenfalls. In Kliniken wie unserer sind wir aber breiter abgestützt, während die Kollegen und Kolleginnen in kleineren Praxen auf sich allein gestellt sind.

Prof. Sibil Tschudin

Leitende Ärztin in der Frauenklinik am Universitätsspital Basel

Die medizinische Fachperson muss hinter dem Eingriff stehen und ihre Bedenken anbringen können.

Viele Ärzte raten ihren Patientinnen, mit einer Sterilisation bis 30 oder 35 zu warten – das haben uns auch Friday-Userinnen berichtet. Wieso gerade dieses Alter? Ich bin gegen sture Altersgrenzen. Eine 28-Jährige, die mit Anfang 20 Mutter wurde und sich unterbinden lassen will, ist in einer anderen Situation als eine kinderlose Frau mit 32, die noch mitten in der Karriere steckt. Jede Patientin muss einzeln betrachtet werden: Hat sie schon Kinder? Befindet sie sich in einer stabilen Beziehung? Hat sie bereits hormonelle Verhütungsmittel oder eine Spirale ausprobiert und nicht vertragen? Eine ganzheitliche Herangehensweise, welche die Lebenssituation mit einbezieht, ist zentral.

Wie kommt es dazu, dass manche Gynäkologen denken, der Kinderwunsch entwickle sich noch mit Mitte 30? Das denken sie nicht in erster Linie – das ist eine Tatsache. Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden liegt in der Schweiz bei 31. Gut möglich, dass sich durch den gesellschaftlichen Druck oder die steigende Anzahl Mütter im Umfeld ein Kinderwunsch entwickelt.

Das heisst, Hormone spielen in dem Fall keine Rolle? Nein, ein plötzlicher Kinderwunsch ist nicht hormonell bedingt.

Was sind denn Gründe dafür, dass manche Frauen später ihre Unterbindung bereuen? Das kann alles mögliche sein. Etwa ein neuer Partner, der ein Baby will. Oder das Kind, das man vor einigen Jahren bekommen hat, findet auf einmal “Mami, ich will noch ein Geschwisterchen!”. Eine Unterbindung kann man dann nicht einfach rückgängig machen, auch wenn hin und wieder Frauen mit diesem Wunsch zu uns kommen.

Aber möglich ist es? Nur in manchen Fällen – aber die Idee ist das nicht. Ausserdem ist der Eingriff sehr teuer und wird nicht von der Krankenkasse bezahlt. In solchen Fällen ist eine künstliche Befruchtung erfolgversprechender, aber auch kostspielig.

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