19 Heimat Maria Fynsk Norup S Hawlisch
Simone Hawlisch/Knesebeck Verlag

"Nur du kannst bestimmen, was Heimat für dich ist"

von Melanie Biedermann

23 OKTOBER 2019

Life

Fotografin Simone Hawlisch ist um die Welt gereist, um Internetbekanntschaften zu besuchen. Was ein entwurzelter Millennial von ihr lernen kann.

Vergangene Woche präsentierte Simone Hawlisch “Heimat – eine Reise, ein Gefühl” an der Frankfurter Buchmesse. Für ihr Buch ist die deutsche Fotografin um die Welt gereist, um zwölf Frauen zu treffen, die sie zuvor über Instagram kennengelernt hatte. Als Hawlisch ihre Internetbekanntschaften an deren jeweiligen Wohnorten traf, entdeckte sie eine Gemeinsamkeit: Das Thema Heimat war allgegenwärtig.

Für viele ist Heimat heute zu einem Sehnsuchtsort geworden; nicht ganz greifbar und weit komplexer als bloss ein Geburts- oder Wohnort. Als typischer Millennial fühle auch ich mich entwurzelt und oft orientierungslos. Meine Suche führte mich von Liechtenstein in die Schweiz, nach New York und aktuell London. Einen Ort, den ich guten Gewissens als Heimat bezeichnen könnte, habe ich bis heute nicht gefunden. Hawlischs Buch versprach Abhilfe. Nur kurz allerdings. Denn zu Beginn unseres Gesprächs machte sie gleich klar: "Ich wollte nie einen Ratgeber schreiben."

Aber du hast für dein Buch vier Jahre lang zum Thema recherchiert. Dabei hast du doch sicher etwas herausgefunden? Ja, dass ich Geschichten erzählen will. Wie diese Frauen ihre Heimat gefunden haben, hat letztlich ja auch meine eigene Definition von Heimat gefestigt. In ihren Geschichten entdeckte ich Dinge, mit denen ich mich identifizieren konnte. Obwohl wir an den unterschiedlichsten Ecken der Welt aufgewachsen sind, waren ihre Biografien eng mit meiner verwoben.

Inwiefern? Beim Blaubeerenpflücken in Finnland kamen bei mir etwa Erinnerungen an meine Kindheit hoch. Später spürte ich, wie wichtig mir diese Verbindung zur Natur ist.

Was hat das mit Heimat zu tun? Heimat hat für mich viel mit Erinnerungen zu tun, und diese sind oft mit einem Gefühl verknüpft. Es geht auch um Werte und Identität; um Familiengeschichten, aber genauso um deinen individuellen Weg, das kann auch ein beruflicher sein. Die Frage nach dem Warum ist entscheidend: Warum bin ich hier? Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Wer diese Fragen beantworten kann, kommt in der Regel leichter an.

13 Heimat Jonna Sini Finnland S Hawlisch
Simone Hawlisch/Knesebeck Verlag

Heimat bedeutet also Ankommen. Auch, ja.

Dieses Ankommen verbinden viele stark mit der Gründung einer Familie, oder zumindest mit einer Form von Nestbau. Was, wenn das alles nicht da ist? Man muss sich holen, was man möchte. Ich beobachte, dass Menschen, die sich sehr verloren oder entkoppelt fühlen, oft schon resigniert haben. Damit will ich sagen: Viele sind passiv, fühlen sich als Opfer oder eben als Alleingelassene. Aber nur wenn wir selber aktiv werden und nach Lösungen suchen, kann sich an der Situation etwas ändern.

16 Heimat Suus Slee S Hawlisch
Simone Hawlisch/Knesebeck Verlag

Glaubst du, dass man alleine eine Heimat für sich finden kann? Es geht gar nicht anders. Du kannst zwar Einflüsse von anderen mitnehmen, aber nur du allein kannst bestimmen, was Heimat für dich ausmacht.

Wenn sich die Dinge für mich zu festgefahren anfühlen, bin ich früher meistens verreist oder umgezogen. Angekommen bin ich trotzdem nie. Ich frage mich, ob ich vielleicht doch nur davonlaufe. Nein, das glaube ich nicht. Du stellst dir Fragen und bist offenbar aktiv auf der Suche. Oft wissen Reisende gar nicht so genau, warum sie reisen. Mit dem Entschluss zu suchen, beginnt ein Commitment.

Eine schwierige Sache. Ja, mit dem Loslassen tun wir uns schwer. Denn das ist es ja, was Commitment bedeutet: eine Entscheidung für das Eine ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. In vielen Fällen gegen eine vermeintliche Sicherheit, etwa ein geregeltes Monatsgehalt.

Wovor haben wir Angst? Oft hält uns das Kopfkino zurück; das was, wenn? Aber das bringt niemanden weiter. Wenn Dinge schief laufen, können wir daraus lernen. Natürlich kann ich trotzdem nachvollziehen, warum sich manche Leute mit den Möglichkeiten des modernen Lebens überfordert, abgehängt oder eben entwurzelt fühlen. Plötzlich können wir theoretisch überall auf der Welt Heimat finden. Wir können an jedem Ort arbeiten, solange der Internetanschluss funktioniert. Apps verbinden Menschen über Kontinente hinweg. Und Migration ist allgegenwärtig, obschon nicht immer selbstbestimmt.

23 Heimat Sabine Bannard S Hawlisch
Simone Hawlisch/Knesebeck Verlag

Ja, was ist mit jenen, die gar keine Wahl haben? Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen? Man kann seine Community an sehr vielen Orten finden. Ich habe meine über die Fotografie und Instagram gefunden.

Das klingt zu simpel. Was können digitale Verbindungen im Alltag wirklich leisten? Wie tragen sie zu einem Heimatgefühl bei? Viele der zwölf Frauen, die ich fürs Buch besucht und porträtiert habe, sind Freundinnen geworden. Wir sind teilweise fast täglich in Kontakt, sie sind in meinem Alltag also sehr präsent. Ob der erste Kontakt online oder auf der Strasse passiert, spielt keine Rolle. Man darf aber auch nicht vergessen, dass nichts im Leben statisch ist. Beziehungen sind Arbeit und sie verändern sich. Genauso ist es ein Prozess, seine Heimat zu finden; die Suche ist gewissermassen eine Lebensaufgabe.

Was meinst du damit? Je nachdem, was mir im Leben passiert, kann sich meine Sicht auf die Welt verändern. Mir hilft es sehr zu wissen, dass ich den Weg, für den ich mich entschieden habe – Job, Wohnort, Lebensstil etc. – nicht bis zum Ende meines Lebens gehen muss. Dieser Gedanke ist befreiend.

Braucht man ein Heimatgefühl, um glücklich zu sein? Es hängt immer davon ab, wie man Heimat definiert. Aber ja, ich glaube schon. Im Englischen gibt es die beiden Worte longing und belonging. Da sieht man schon, wie eng Sehnsucht und Zugehörigkeit miteinander verknüpft sind. Wir sehnen uns nach Verbindungen. Gleichzeitig hören wir einander immer weniger zu. Dabei schüfe oft schon das blosse Zuhören ein Gemeinschaftsgefühl. Nähe und Vertrauen entstehen, wenn man etwas von sich preis gibt. Aber eben nur, wenn man damit auch Gehör findet.

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Simone Hawlisch/Knesebeck Verlag

Simone Hawlisch hat für ihren Fotoband zwölf Frauen porträtiert, die auf ganz unterschiedliche Weise ihre Heimat gefunden haben. "Heimat – eine Reise, ein Gefühl" ist beim Knesebeck Verlag erschienen.

Simone Hawlisch credit Anna Cor
Anna Cor

Fotografin Simone Hawlisch

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