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Ellis van der Does

Habt ihr das Hamsterrad aus Arbeiten und Schlafen auch satt?

von Marie Hettich

5 MÄRZ 2019

Life

Millennials wollen einen erfüllenden Job. Aber wie viel möchten sie arbeiten? Redaktorin Marie Hettich hat den Eindruck: immer weniger.

Letzten Sommer stürmte meine Schwester Lea ins Büro ihres Chefs und kündigte. Wie ein Tiger im Käfig habe sie sich gefühlt und es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Seitdem jobbt Lea in einem Kleiderladen und als Springerin in einer Kita – und liebt ihre neue Freiheit, wie sie immer wieder betont. Statt wie zuvor 35 Wochenstunden auf dem Jugendamt arbeitet sie bei ihren beiden neuen Jobs insgesamt nur noch 20.

Lea ist nicht die Einzige, die sich im klassischen 9-to-5-Job gefangen fühlt. Als ich kurz nach der Offenbarung meiner Schwester die österreichische Autorin Bianca Jankovska interviewte, sagte diese: "Das Schlimmste, was einem nach dem Studium widerfährt, ist die Diagnose: 40 Jahre Erwerbsarbeit." Bianca ist, wie meine Schwester, Mitte 20 und hat ein Buch über Millennials geschrieben – "Das Millennial-Manifest". Lea hat das Buch am Küchentisch ihrer WG verschlungen.

Ferien-Initiative gefloppt

Seitdem ist meine Bubble voll von Menschen, die weniger arbeiten möchten: Erst lese ich von einem neuseeländischen Firmenchef, der die 4-Tage-Woche einführt – bei vollem Lohn. Dann spült es einen "Spiegel"-Artikel in meinen Facebook-Feed, in dem die Autorin für einen 6-Stunden-Tag plädiert: Studien würden beweisen, dass sowieso kein Mensch acht Stunden lang produktiv sein könne. Bei einem Versuch des Autokonzerns Toyota sei der Umsatz sogar gestiegen, als das Team statt acht nur noch sechs Stunden arbeiten musste.

Die Debatte über eine verkürzte Arbeitszeit ist nicht neu; sie wird immer mal wieder geführt. Schon vor Jahren gab es Firmen, die mit kürzeren Tagen oder Wochen experimentierten. In der Schweiz wurde 2002 eine Initiative zur Einführung der 36-Stunden-Woche abgelehnt. Und 2012, also vor gar nicht so langer Zeit, ist eine Initiative spektakulär gefloppt, die allen Erwerbstätigen sechs Wochen Ferien bescheren wollte – nicht ein einziger Kanton hat dafür gestimmt. Will die Mehrheit also, dass alles bleibt, wie es ist? Wollen alle Vollzeit-Angestellten in der Schweiz weiterhin 42,5 Stunden pro Woche schuften? Europaweit sind wir damit auf Platz zwei. Nur in Island wird noch mehr gearbeitet.

Jeder Vierte ist gestresst

Was ich aber um mich herum erlebe, zeigt das Gegenteil: Die allermeisten haben das Hamsterrad aus Arbeit und Tot-auf-dem-Sofa-Netflixen oder Tot-die-Kids-von-der-Kita-Holen satt. Sie wünschen sich mehr Zeit. Auch, um endlich Vorhaben wie die eigene Band, den feministischen Lesezirkel oder die ehrenamtlichen Besuche im Altersheim anzugehen. Alle haben Life-Fomo, weil Instagram ständig daran erinnert, dass wir mal wieder in den Wald, an den Strand oder in ein schönes Café gehen könnten. Und beweisen all die Detox-Kuren und überfüllten Yogastudios nicht, dass sich sehr viele Menschen nach Pausen, nach Innehalten sehnen? Laut Job-Stress-Index nimmt der Anteil an gestressten Schweizerinnen und Schweizern tatsächlich zu – derzeit gibt mehr als jeder Vierte an, die Arbeit als Belastung zu empfinden.

Die SP hat sich an das Thema noch mal herangewagt. Im neusten Wirtschafts-Paper fordert sie eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn – gesetzlich verpflichtend für alle Arbeitgeber. Ich rufe SP-Nationalrat Cédric Wermuth an. "Mir fällt immer wieder auf, wie extrem die Schweizer Gesellschaft über ihre Erwerbsarbeit definiert wird – und wie sehr sie sich selbst darüber definiert", sagt er, als ich ihn frage, wie er sich den Misserfolg der beiden Initiativen 2012 und 2002 erkläre. "Ich bin mir sicher, dass die Leute vor allem aus Angst dagegen gestimmt haben: Sie befürchten, dass die ganze Wirtschaft zusammenbrechen würde."

Raus aus der Teilzeitfalle

Die Kritik an Forderungen wie der 35-Stunden-Woche sei immer dieselbe: "Dann heisst es wieder, wir rufen das Volk zur Faulheit auf." Doch von Faulheit könne keine Rede sein. Wenn der 32-Jährige selbst mehr freie Zeit zur Verfügung hätte, würde er sich in seinem Wohnort Zofingen für Asylsuchende engagieren und seine beiden Töchter häufiger betreuen – ein Wunsch, den der SP-Mann, wie er sagt, von immer mehr jungen Vätern zu hören bekommt. Gerade Familien könnten laut Wermuth enorm von kürzeren Arbeitszeiten profitieren – auch deshalb, weil dann Mütter seltener in der sogenannten Teilzeitfalle landen würden.

Zwar ist laut Bundesamt für Statistik die Zahl der Teilzeit arbeitenden Männer in der Schweiz 2017 auf 19% gestiegen, bei den Frauen sind es aber immer noch 59% – dreimal so viele also. Obwohl die Option auf eine Teilzeitstelle prinzipiell eine gute Sache ist, darf man eines tatsächlich nicht vergessen: Wer keinen Fulltime-Job hat, verdient nun mal weniger – und zahlt damit auch weniger in die AHV- und Pensionskasse ein. Bei meinem 80%-Job scheint das noch aushaltbar, aber was ist mit all den Frauen, die jahrelang nur 40% oder 50% arbeiten?

Die Unterstützung der Eltern

Ich will mit Betty Zucker sprechen. Die Unternehmensberaterin mit eigener Firma in Zürich hat sich auf Veränderungsprozesse und Generationsfragen spezialisiert – und spürt ebenfalls, dass immer mehr Millennials die Arbeitsstrukturen hinterfragen, wie sie mir am Telefon erzählt.

Sie kenne sogar einige, die, wie meine Schwester, ihre Arbeitszeit stark reduziert hätten. Als ich sie frage, wie sie sich diesen Trend erkläre, bin ich von ihrer nüchternen Antwort kurz geschockt: "Ja weil sich viele Millennials das leisten können! Es ist nicht sonderlich schwierig, auf ein volles Einkommen zu verzichten, wenn man weiss, dass einen die Eltern jederzeit unterstützen können. Die Eltern-Kind-Beziehungen sind heute oft so eng, da flattern manchmal noch 30-Jährigen regelmässig finanzielle Zuwendungen entgegen." Gerade in der Schweiz hätten zudem einige Millennials ein grosses Erbe in Aussicht – "da können so manche mit einem Ferienhäuschen im Engadin rechnen".

60-Stunden-Wochen und Gucci-Taschen

Allerdings warnt Betty Zucker davor, eine ganze Generation in eine Schublade zu stecken. "Es gibt auch Millennials, die gern 60 Stunden pro Woche arbeiten und sich Gucci-Taschen kaufen – und es gibt solche, die einfach froh darum sind, überhaupt einen Job zu haben, weil sie vielleicht sogar ihre Eltern finanziell mitunterstützen müssen." Von der Forderung, eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich einzuführen, hält die Wirtschaftswissenschaftlerin wenig. "Wer soll das bezahlen? Die Idee scheitert an der Realität – zumindest solange unser kapitalistisches System ist, wie es ist."

Leuchtet mir alles irgendwie ein, denke ich nach dem Telefonat mit Betty Zucker. Und doch lässt mir ein Gedanken keine Ruhe: Wie würde eine Volksabstimmung über kürzere Arbeitstage ausgehen, wenn sie morgen wäre? Würden wirklich wieder die meisten Menschen dagegen stimmen? Dummerweise muss ich mich mit meiner Neugier noch ganz schön lange gedulden. SP-Nationalrat Wermuth schätzt: mindestens zehn Jahre.

Wir haben mit drei Millennials gesprochen, denen ihre Freiheit wichtiger ist als ein üppiges Einkommen. Die Texte findet ihr hier.

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