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Getty Images / zvg

Gut, dass wir Männer verunsichert sind

von Martin Fischer

11 OKTOBER 2018

Life

Mit der #MeToo-Bewegung ist das Selbstverständnis vieler Männer ins Wanken geraten. Hier erklärt ein Mann, warum das eine Chance für alle ist.

Wir Männer sind also verunsichert. Ich habe es immer wieder gehört in diesem Jahr: Bei Sitzungen im Büro, bei Feierabendfahrten im ÖV, und vor allem habe ich es immer wieder gelesen in den Kommentaren auf sozialen und anderen Medien. Nun: Ich finde diese Verunsicherung wunderbar. Sie ist der beste Beleg dafür, dass #MeToo mit uns Männern etwas macht. Sie bedeutet, dass wir Männer jetzt häufiger den Kopf einschalten.

Ich habe schon mehrfach miterlebt, wie eine Frau belästigt worden ist. Zwei Beispiele: Vor einigen Jahren hat ein Mann, den ich seit vielen Jahren kenne, meiner damaligen Freundin im Club an den Hintern gefasst, als ich direkt neben ihr stand. Mehrmals, wie ich später erst erfahren habe. Der zweite Vorfall ist letzten Sommer passiert: Ein sicht- und hörbar betrunkener Passant hat meine Freundin, als wir abends zusammen in einer Bar draussen sassen, aufgefordert, mit ihr nach Hause zu kommen. Der Spruch kam aus dem Nichts, und weder meine Freundin noch ich konnten darauf rechtzeitig und angemessen reagieren. Er zog bereits selig trunken weiter.

Wir können nicht nachfühlen, wie es ist

Erst nach dem darauffolgenden, langen Gespräch mit meiner Freundin habe ich realisiert, dass wir Männer oft nicht sehen, wo Belästigung überhaupt anfängt, und dass auch schon vermeintlich beiläufige oder – besonders verbreitet – nur witzig gemeinte Bemerkungen wahnsinnig irritierend und schlicht deplatziert sein können. Wir können nicht nachfühlen, wie es ist, wenn der viel kräftigere Arbeitskollege im Lift immer etwas zu nahe steht. Wie es ist, im Club einfach so an irgendwelchen Körperstellen angefasst werden. Oder ob das Kompliment für die neue Hose, die die Figur so schön betont, tatsächlich als solches und nicht als Geilheit ankommt.

Ich will nicht behaupten, dass Männer nie belästigt werden. Es findet aber bei Weitem nicht in derselben Häufigkeit und Breite statt wie bei Frauen. #MeToo hat mir klar gemacht, dass ich als Mann nicht oder nur sehr ansatzweise verstehen kann, was es bedeutet, so oft und perfid belästigt und bedrängt zu werden, wie das die allermeisten Frauen im Alltag erleben.

"Ja, was darf ich denn jetzt noch?"

Wenn wir Männer jetzt sagen: "Ja, was darf ich denn jetzt noch? Und früher war das alles einfacher, ein Spruch da, eine Berührung dort, alles halb so wild", dann sprechen vor allem Feigheit und Faulheit aus uns. Wir haben Angst, das unhaltbare Privileg aufzugeben, zu reden und zu handeln, ohne die möglichen Konsequenzen mit einzuberechnen. Und wir sind zu faul, um kurz nachzudenken, bevor wir reden oder handeln.

Der Ausweg aus der Verunsicherung ist einfach. Denn letztlich geht es um etwas, das wir alle können: Anstand. Anstand ist ein grossartiger, unverzichtbarer Gesellschaftskitt. Er stellt sicher, dass wir pünktlich zu Terminen erscheinen, dass wir nicht der nächstbesten Person an die Gurgel springen, wenn wir wütend sind, dass wir uns bedanken, wenn uns jemand hilft. Anstand ist etwas, das jeder Mensch für sich selbst einfordert, und deshalb wäre es nur logisch, dass wir unseren Mitmenschen auch mit Anstand begegnen. Er macht einen gesunden Umgang mit Arbeitskollegen, mit dem Personal im Einkaufsladen oder in der Beziehung überhaupt erst möglich. Anstand macht die Welt nicht komplizierter, sondern besser.

Und Anstand braucht nicht viel. Er setzt einzig voraus, dass wir den Kopf einschalten und nicht unseren Impulsen nach Lust und Laune freien Lauf lassen, wenn wir es mit Mitmenschen zu tun haben. Wenn wir Männer jetzt also verunsichert sind – oder anders gesagt: nachdenken –, bevor wir bei der Arbeit zu einem witzig gemeinten Spruch ansetzen oder im Ausgang eine Frau anbaggern, ist das nur anständig. Gut möglich, dass wir damit dann sogar besser ankommen.

Martin Fischer leitet die People-Redaktion von 20 Minuten.

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