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Greta will bestimmt nicht, dass ihr euch schämt

von Gloria Karthan

11 NOVEMBER 2019

Life

Böse Blicke der schwedischen Klimaaktivistin sollen uns unökologisches Verhalten im Büro abgewöhnen. Redaktorin Gloria hält das für den falschen Ansatz.

Stellt euch vor, ihr wollt im Büro einen Kaffee machen. Als ihr zum Einwegbecher greift, lässt euch der vorwurfsvolle Blick der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg zusammenzucken. "How dare you?" (auf Deutsch: Wie kannst du es wagen?) sagt die 16-Jährige – wie damals in ihrer Rede an die UN im September.

Genau so gehts aktuell Angestellten in Tel Aviv, die Fotos der Schwedin neben Plastikbesteck- und Becher vorfinden. Eine israelische Journalistin sammelt derzeit Bilder von Büro-Kantinen, in denen Mitarbeitende Gretas Konterfei neben das umweltschädliche Einweggeschirr gstellt haben, und teilt sie auf Twitter.

Das Ziel des sogenannten Greta-Shamings: Umweltsünder sollen ihr Verhalten überdenken oder sich zumindest für ein paar Sekunden schlecht fühlen, bevor sie ihren Cappuccino aus einem Plastikbecher schlürfen.

Doch selbst wenn die Bilder uns öfter zur echten Gabel oder Tasse greifen lassen: Solche Aktionen zeigen, was in der Klimadiskussion alles falsch läuft. Mit Eigenverantwortung alleine können wir die Klimakrise nämlich nicht aufhalten. Gretas "I dare you" ist auch nicht an dich und mich gerichtet, sondern an die Regierungschefs, die das Problem jahrzehntelang ignorierten – obwohl sie es besser wussten.

Ein erheblicher Teil unseres CO2-Ausstosses ist strukturell bedingt. Das heisst, er fällt auch an, wenn ich vegan lebe, nie fliege und nur Vintage-Klamotten kaufe. Eins von vielen Beispielen: Als Mieterin kann ich nur bedingt steuern, wie ökologisch ich wohne. Kommt mein Vermieter nicht selber auf die Idee, dass er unsere alte Ölheizung mit einer nachhaltigeren Wärmepumpe ersetzen kann, müssen Gesetze es ihm vorschreiben.

Röhrli-Shaming statt Gesetze

Dazu kommt: Zwei Drittel aller menschgemachten Emissionen gehen auf das Konto von gerade mal 90 Unternehmen. Grosse Ölfirmen wie Shell wissen schon seit über 30 Jahren vom Treibhauseffekt – schliesslich hatten sie ihn damals selber erforscht.

Doch statt diese Firmen zur Verantwortung zu ziehen, shamen wir uns gegenseitig für unsere Plastikröhrli und Avocadotoasts. Die Diskussion dreht sich öfter um die Sünden von Einzelpersonen, statt um umweltschonende Rahmenbedingungen für alle: Zum Beispiel durch griffige Klimaschutzgesetze und mehr Anreize, um den ökologischen Fussabdruck möglichst klein zu behalten.

Sich schämen ist anstrengend

Ja, richtig beobachtet. Auch Klimaaktivisten besitzen Smartphones und trinken hin und wieder Dosenbier. Selbst Role Model Greta wurde in der Vergangenheit mit Toast im Plastik und Bananen gesichtet. Aber zeigt das nicht auf, dass es praktisch unmöglich ist, alles richtig zu machen?

Und: Darf sich eine starke Raucherin nicht auch für strengere Nichtrauchergesetze einsetzen? Wenn ich mich jedesmal vor meinen Freunden rechtfertigen muss, dass ich grad aus einer Petflasche trinke, raubt mir das wertvolle Energie, die ich stattdessen in ein Klimaschutz-Engagement hätte stecken können.

Dem Klima zuliebe sollten wir weiterhin auf Einwegplastik, Tierprodukte und Flugreisen verzichten. Damit wir mit den wenigen verbleibenden Ressourcen klar kommen, müssen wir eh baldmöglich einen Gang runterschalten.

Ich finds hammer, wenn wir endlich mehr über Nachhaltigkeit sprechen und unser Verhalten überdenken. Aber wir sollten Schuldzuweisungen vermeiden und das grosse Ganze nicht aus den Augen verlieren. Oder wie Greta selbst es diesen Sommer auf den Punkt brachte: "Wir brauchen einen Systemwandel, nicht bloss individuelle Veränderungen. Aber wir können das eine nicht ohne das andere haben."

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