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"Gewalt in Familien ist ein massives Problem"

von Marie Hettich

25 NOVEMBER 2019

Life

Das Mädchenhaus in Zürich gibt am Donnerstag das Buch "Gewaltige Geschichten – und das Leben danach" heraus. Wir haben mit der Geschäftsleiterin Dorothea Hollender gesprochen.

Frau Hollender, diese Woche erscheint ein Buch, in dem sechs ehemalige Bewohnerinnen des Mädchenhauses ihre Lebensgeschichte erzählen. Für wen ist es gedacht? Für alle! Aber in erster Linie ist es ein Buch für Mädchen und junge Frauen, die selbst Gewalt in ihrer Familie erleben und sich vielleicht noch nicht trauen, etwas dagegen zu unternehmen. Das Buch soll Mut machen und zeigen, dass niemand Gewalt ertragen muss. Und dass es, trotz aller Schmerzen, trotz allem Leid, irgendwann besser wird.

Geht es den Frauen aus dem Buch denn heute besser? Ja – schon allein deshalb, weil sie sich dazu entschieden haben, Hilfe zu suchen. Alle sechs Frauen stehen heute mit beiden Beinen im Leben. Aber das heisst natürlich nicht, dass sie immer blendend drauf sind. Traumata lassen sich nicht wegzaubern, aber man kann lernen, mit ihnen umzugehen.

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Ab Donnerstag, 28.November, kann das Buch für 18 Franken unter admi@maedchenhaus.ch bestellt werden.

War es einfach, Frauen zu finden, die ihre Geschichte erzählen möchten? Nein. Wir haben uns durch zig Akten gewühlt und oftmals unter der angegebenen Telefonnummer oder Mailadresse gar niemanden mehr erreicht. Und selbst wenn ein Kontakt zustande kam, war es schwierig. Es braucht sehr viel Mut, das eigene Leben nochmal komplett aufzurollen – ähnlich viel Mut wie es braucht, als Kind die eigene Familie zu verlassen.

Wie viele Anfragen bekommt das Mädchenhaus im Schnitt? Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist das Haus fast leer, manchmal voll bis oben hin. Seit der Eröffnung vor 25 Jahren haben wir knapp 1200 junge Frauen aufgenommen. In den letzten zwei, drei Jahren haben sich aber mehr Mädchen bei uns gemeldet.

Woran liegts? Gewalt ist weniger ein Tabuthema als vor einigen Jahren – ich vermute, dass es damit zusammenhängt. Jedoch kommen Kinder im öffentlichen Diskurs immer noch zu kurz. Gewalt in Familien ist ein massives Problem – von dem übrigens nicht nur Mädchen, sondern auch Jungs betroffen sind.

Was wünschen Sie sich zum heutigen internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen? Dass Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt endlich wertgeschätzt und nicht mehr wie selbstverständlich ausgebeutet, misshandelt und missbraucht werden. Wir sprechen zwar mehr über Gewalt an Frauen – aber es ist erschreckend, dass sich noch gar nicht so viel verändert hat.

Das Mädchenhaus in Zürich ist ein vorübergehender Zufluchtsort für junge Frauen von 14 bis 20 Jahren, die von psychischer, physischer und sexueller Gewalt betroffen sind. Die jungen Frauen kommen ins Mädchenhaus, wenn sie nicht mehr weiterwissen, wenn sie bedroht, geschlagen, beschimpft, eingesperrt oder anderweitig misshandelt werden. Dort finden sie Zeit und Raum, um sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen und Zukunftsperspektiven zu erarbeiten. Das Mädchenhaus kann rund um die Uhr kontaktiert werden, der Standort ist geheim.

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