Frauenstreik Schweiz
zvg

Wir haben immer noch Gänsehaut

von Marie Hettich

15 JUNI 2019

Life

Der Frauenstreik am 14. Juni 2019 war unglaublich: Mit hunderttausenden Demonstrierenden wird er in die Schweizer Geschichte eingehen – und die Politik hoffentlich wachrütteln.

Was da gestern in der Schweiz passiert ist, könnte man im Nachhinein fast für einen Traum halten. Einen Traum, aus dem man morgens selig erwacht und sich die Augen reibt und denkt: Hach, schön wärs.

Aber nein, es war wirklich so. Über eine halbe Million Menschen sind am 14. Juni für die Gleichstellung auf die Strasse – noch mehr als am ersten Frauenstreik im Jahr 1991. Die Organisatorinnen sprechen von der grössten politischen Demo der jüngeren Geschichte.

15- und 80-Jährige

Wer mittendrin war, in einem der grossen Demonstrationsumzüge in Zürich, Bern oder Genf, war umgeben von Frauen aller Hautfarben, von 15-jährigen Mädchen und 80-Jährigen am Gehstock, von tanzenden und ernst dreinblickenden Frauen, von Eltern mit ihren Kleinkindern, von Männern, aber auch von Menschen, die weder der Kategorie Mann noch Frau angehören oder angehören möchten.

Der Frauenstreik war kein Nischenevent von Hardcore-Emanzen; die Feministinnen gibt es nicht mehr. Feministische Anliegen sind im besten Sinne im Mainstream angekommen.

Jahrzehntelang Wut im Bauch

Man musste sich nur einmal um die eigene Achse drehen, und die unzähligen selbstgebastelten Plakate betrachten, um zu begreifen, worum es dieser kunterbunten Menschenmasse geht: um Lohnungleichheit. Um den zu kurzen Mutterschafts- und komplett fehlenden Vaterschaftsurlaub. Um Care-Arbeit, für die Frauen weder beklatscht noch bezahlt werden. Um den Männerüberschuss in Führungspositionen, in der Politik. Um kurze Röcke, die männliches Fehlverhalten entschuldigen sollen. Eigentlich ist es zum Heulen – wenn der gestrige Tag nicht so wundervoll gewesen wäre.

Der Frauenstreik vom 14. Juni 2019 ist eine Zäsur – er muss eine Zäsur sein. Denn wenn man bedenkt, dass die gleichen Rechte für Mann und Frau schon seit 1981 im Schweizer Gesetz verankert sind, und es jetzt, fast 40 Jahre später, immer noch Hunderttausende mit Wut im Bauch auf die Strasse treibt, dann ist ganz gehörig etwas schief gelaufen.

Eine Demonstrantin im Rollstuhl, die gestern von ihren Verwandten durch Zürich geschoben wurde, hätte das nicht besser zum Ausdruck bringen können. Auf ihrem Protestschild stand: "Jahrgang 1929. Es eilt."

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