Alternativer Aufmacher Credit Anna Tea
Anna Tea

"Ich streike, weil mein Ex-Chef Frauen für minderwertig hält"

von Gina Buhl

14 JUNI 2019

Frauenstreik

Anlässlich des heutigen Frauenstreiks haben uns drei Schweizer Frauen erzählt, warum sie auf die Strasse gehen. Cassandra* wurde von ihrem Chef systematisch klein gehalten wurde – weil sie eine Frau ist.

"Bevor ich angefangen habe, in diesem Unternehmen zu arbeiten, war mir nicht bewusst, dass Schweizer Frauen im Jahr 2019 immer noch derart klein gehalten werden. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Bis ich nicht mehr konnte.

Das Management-Team der Firma bestand aus fünf Männern und einer Frau, meiner Chefin. In Sitzungen flogen zwischen ihr und den Männern regelmässig die Fetzen. Anfangs dachte ich, der harte Umgangston sei hier halt normal. Doch je länger ich die Situation beobachtete, desto klarer wurde mir, dass es vor allem dann eskalierte, wenn meine Chefin sich für unser Marketing-Team einsetzte – das nur aus Frauen bestand – oder unbequeme Fragen stellte. Die Männer aus der Führungsebene waren sich immer einig. Sie sei zu emotional, hiess es. Sie sei schwierig und würde die Stimmung vermiesen. Dann wurde sie wegen "persönlicher Differenzen" entlassen.

Wir waren Luft für ihn

Das war der Anfang der Abwärtsspirale. Der CEO übernahm die Leitung des Teams. Ein weiterer Mann wurde eingestellt. Mit uns kommunizierte der Chef kaum noch - mit dem neuen Kollegen dafür immer mehr. Nach wenigen Wochen war der Neue die Ansprechperson für alles. Dass er vorher ausschliesslich in der Versicherungsbranche gearbeitet hatte, schien unseren CEO nicht zu interessieren. Genauso wenig wie das, was wir Frauen zu sagen hatten.

Irgendwann wurden unsere Inputs vom Chef komplett ignoriert. Oder er liess sie nur gelten, wenn der neue Kollege sie für gut befunden hatte. Wir mussten Präsentationen erarbeiten, um sie wie Primarschülerinnen unserem hierarchisch gleichgestellten Kollegen vorzutragen. Es ging so weit, dass der Neue anstelle von uns in Kunden-Meetings eingeladen wurde. Dass er eigentlich keinen Plan hatte, ist immer dann deutlich geworden, wenn er uns vor den Terminen fragte, was er den Kunden sagen soll.

Er ist ein Mann und hat deshalb seinen Respekt

Ich habe den CEO damit konfrontiert. Mehrere Male. Auf meine Frage, warum er die Inputs der Frauen ignoriert, hatte er keine Antwort. Meinem Hinweis, dass ich mich als Expertin nicht ernst genommen fühle, entgegnete er mit einer Ausrede: Der Neue und er würden sich eben auf persönlicher Ebene sehr gut verstehen. Für mich war klar: Der Neue ist ein Mann und hat deshalb seinen Respekt.

Dass er von Frauen grundsätzlich nicht viel hält, hat mein Chef ständig raushängen lassen: Wir seien viel zu empfindlich, um rationale Entscheidungen zu treffen. Oder: "Frauen, die keinen schönen Arsch haben, sollten keine Leggins tragen."

Ich wurde krank geschrieben

Die ganze Situation hat mich wahnsinnig belastet. Ich hatte jeden Tag Bauchschmerzen, konnte nicht mehr schlafen. Ich wurde krank geschrieben und habe beschlossen, zu gehen. Nachdem ich die Kündigung eingereicht hatte, hat der CEO bis zum letzten Tag kein Wort mehr mit mir geredet.

Ob ich die sexistischen Vorgehensweisen in meiner Kündigung schriftlich festgehalten habe? Nein. Ich hatte riesige Angst, dass mein Vorgesetzter mir ein schlechtes Arbeitszeugnis schreibt. Ich streike heute weil ich mir um sowas keine Gedanken mehr machen will."

Cassandra* (30), ist Marketing-Expertin bei einer Online-Plattform.

*Name von der Redaktion geändert.

Beim heutigen Frauenstreik gehts um alle Lebensbereiche, in denen Frauen diskriminiert werden. Die drei Hauptthemen: Erwerbsarbeit, unbezahlte Care-Arbeit – also die Kinderbetreuung, den Haushalt oder die Krankenpflege – und Gewalt an Frauen. Vor Cassandra* haben bereits Franziska* und Annabelle* ihre Geschichten erzählt.

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