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"Ich streike, weil mich Gewalt an Frauen geprägt hat"

von Miriam Suter

14 JUNI 2019

Frauenstreik

Anlässlich des heutigen Frauenstreiks haben uns drei Schweizer Frauen erzählt, warum sie auf die Strasse gehen. Annabelle* ist mit einem alkoholabhängigen Vater aufgewachsen. Hier ist ihre Geschichte.

"Am 14. Juni streike ich, weil ich Feministin bin. Es gibt so viele Ebenen, auf denen Frauen noch nicht gleichberechtigt sind. Ein grosses Thema für mich ist die Gewalt an Frauen. Ich bin mit einem alkoholabhängigen Vater aufgewachsen, er hat meine Mama zwar nicht geschlagen, aber psychisch total zerstört. Er war schon immer Choleriker, aber als er anfing, zu trinken, wurde alles noch viel schlimmer und er hat meine Mutter angeschrien, wenn sie vergessen hat, zum Abendessen Besteck aufzutischen. Er warf ihr vor, sie sei eine Versagerin, tue nichts und chille den ganzen Tag nur zuhause – obwohl sie mich und meine Schwester aufgezogen und den ganzen Haushalt geschmissen hat. Man wusste nie, ob er gute Laune hat, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kam.

Er hat zurückgeschlagen

Ich habe meine Eltern oft streiten gehört, das war die Hölle für mich. Ich erinnere mich daran, dass er sie einmal derart zusammengeschrien hat, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe. Dann bin ich als kleines Kind zwischen ihn und meine Mutter gerannt und habe auf ihn eingeschlagen, damit er aufhört. Er hat zuerst zurückgeschlagen, aber ich blieb stark und es hat tatsächlich geholfen – er liess von ihr ab. Ich habe schon als Kind eine unglaubliche Wut entwickelt, weil mein Vater die Arbeit meiner Mutter nicht wertgeschätzt hat – im Gegenteil, er hat sie sogar entwertet. Sie hatte Depressionen, keine Ausbildung und war von ihm abhängig. Ausserdem hatte sie furchtbare Angst vor ihm und davor, dass er ihr und uns Kindern etwas antun würde und ist deshalb nicht weggegangen.

Das Thema wird totgeschwiegen

Als ich 19 war, fing mein Vater endlich eine Therapie an. Er versprach, dass alles gut wird, dass er uns ein Haus bauen wird – wir wuchsen in einer sehr kleinen Wohnung auf, hatten nie viel Geld. Dieses Haus steht heute tatsächlich, meine Mutter und mein Vater wohnen darin, zusammen mit meiner Schwester. Ich habe meinem Vater zwar verziehen und ihm das auch gesagt. Kein Mensch ist nur böse, er hat auch viele gute Seiten, die sehe ich. Aber das Thema wird in unserer Familie totgeschwiegen und er lässt sich als Held feiern, weil er seine Alkoholsucht überwunden hat. Aber darüber, was er meiner Mutter angetan hat, spricht er nicht. Irgendwann werde ich ihn darauf ansprechen. Das habe ich mich bis heute nicht getraut."

Annabelle*, (32), Fribourg & Zürich

*Name von der Redaktion geändert.

Beim heutigen Frauenstreik gehts um alle Lebensbereiche, in denen Frauen diskriminiert werden. Die drei Hauptthemen: Erwerbsarbeit, unbezahlte Care-Arbeit – also die Kinderbetreuung, den Haushalt oder die Krankenpflege – und Gewalt an Frauen. Als nächstes erzählt uns Cassandra* aus Zürich ihre Geschichte.

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