Credit Stella de Smit on Unsplash
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Wieso sind beim Essen alle so kompliziert geworden?

von Anna Janssen

20 APRIL 2019

Life

Textpraktikantin Anna liebt tolle Dinner-Partys. Doch die vielen Extrawünsche, die jedes mal geäussert werden, gehen ihr langsam auf die Nerven.

Für mich gibt es nichts Schöneres, als mit guten Freunden bei feinem Essen und Wein zusammenzusitzen. Deswegen veranstalte ich immer mal wieder eine Dinnerparty bei mir zuhause. Meistens koche ich dann ziemlich klassisch: Nach Salat oder Suppe bereite ich für den Hauptgang oft ein gutes Stück Schweizer Bio-Fleisch und verschiedene Beilagen vor. Da ich gern backe, gibt es bei speziellen Anlässen auch mal eine Torte. Eigentlich ja nichts Exotisches oder Ungewöhnliches.

Trotzdem melden immer mehr Gäste ihre angeblichen Unverträglichkeiten an. Manchen fallen diese natürlich erst kurz vorher ein, wenn sie erfahren haben, was es zu essen geben wird: Die eine ist glutenintolerant, der andere verträgt keine Eier. Meine Red-Velvet-Torte – wohlgemerkt mit Mehl und Eiern – fanden die beiden dann aber doch plötzlich lecker.

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Anna Janssen

Individuelle Abgrenzung und Diäten

Viele Millennials wollen bloss nicht so sein wie alle anderen. Ich glaube, dass sie deswegen versuchen, sich auch über die Ernährung abzugrenzen. Jeder möchte ein bisschen besonders sein. Doch für viele Leute zu kochen, wenn jeder ein bisschen besonders sein möchte, ist ganz schön mühsam. Ich probiere gerne mal etwas Neues aus, aber wenn ich jeden Wunsch und alle Vorlieben einbeziehe, muss ich an einem Abend bald drei verschiedene Menüs zubereiten.

Hinzu kommen viele unsinnige Diät-Ratgeber, in denen neben Milchprodukten und Fetten vor allem Kohlenhydrate – beziehungsweise Gluten – verteufelt werden. Glutenfreie Diäten werden in Hollywood – von Gwyneth Paltrow bis zu Kourtney Kardashian – als super gesunder Lifestyle verkauft. Vor allem junge Frauen orientieren sich daran – oft auch, um abzunehmen. So lassen sich extrem restriktive Diäten mithilfe von angeblichen Intoleranzen als "Healthy Lifestyle" rechtfertigen. Das die teuren glutenfreien Produkte meist mehr Zucker und Fett haben als gewöhnliche, spielt dabei wohl keine Rolle.

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Anna Janssen

Nur 1% sind tatsächlich gluten-intolerant

Wie viele Menschen sich davon beeinflussen lassen, zeigen die ansteigenden Verkaufszahlen bei glutenfreien Produkten. Jedoch sind gleichbleibend nur 1% der Bevölkerung von Zöliakie, medizinisch für Gluten-Intoleranz, betroffen – in den USA ernähren sich laut einer Marktforschungsumfrage jedoch bereits 10% der Haushalte glutenfrei. Studien zeigen, dass eine glutenfreie Ernährung nur Sinn macht, wenn tatsächlich eine Gluten-Intoleranz vorhanden ist. Sonst ist dies schlichtweg unnötig und kann laut der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung sogar gesundheitsgefährdend sein, da wertvolle Vitamine fehlen. Die "Ärzte Zeitung" weist auf ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 2 und eine erhöhte Schwermetall-Einnahme hin.

Ich haben den Eindruck, dass Lebensmittel, die man nicht mag oder die man schlicht nicht essen will, heutzutage sofort als Allergie oder Intoleranz bezeichnet werden. Einfach, um auf Nummer sicher zu gehen, dass man bestimmte Sachen nicht essen muss. Ich selbst mag keine rohen Zwiebeln und bin kein Fan von Innereien – trotzdem habe ich deswegen keine Zwiebel-Allergie oder bin Leberli-intolerant.

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Sag doch einfach: "Ich mag das nicht"

Steht doch einfach dazu, dass ihr etwas nicht mögt oder aufgrund einer Diät darauf verzichten möchtet. Gleichzeitig wird es euch auch sicherlich nicht umbringen, mal etwas Neues auszuprobieren, oder die Diät für einen Abend zu vergessen. Meist kann man gewisse Sachen auch einfach weglassen – ohne vorher mit grossem Tam-Tam die persönliche Intoleranz anzumelden.

Mit den vielen angeblichen Allergien und Intoleranzen macht ihr es denen schwer, ernst genommen zu werden, die tatsächlich eine Lebensmittelallergie oder Intoleranz haben. Und auch mir macht ihr es schwer – ich will endlich wieder voller Vorfreude und ohne Extrawürste meine Dinnerpartys vorbereiten können.

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