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"Es ist wichtig, den Täter zu siezen"

von Sonja Siegenthaler

18 OKTOBER 2018

Life

Nach einer sexuellen Belästigung im ÖV wollte Modeassistentin Sonja Siegenthaler Anzeige erstatten, scheiterte aber an den komplizierten Abläufen. Pascal Schor, stellvertretender Chef Prävention der Kantonspolizei Bern, erklärt, was passiert ist – und gibt Tipps zum Verhalten bei sexueller Belästigung.

Herr Schor, ich habe mich nach einer sexuellen Belästigung im ÖV beim Notruf der Bahnpolizei gemeldet. Die Bahnpolizei hat mich an die Polizei weitergeleitet und nicht selbst reagiert. Weshalb? Obwohl die Transportpolizei sehr ähnlich wie die 'normale' Polizei aussieht, gehört sie zur SBB. Deshalb verfügt sie nicht über die gleichen Befugnisse und Kompetenzen wie die Kantons- und Stadtpolizeien. Sie ist dafür da, um beispielsweise bei einer Belästigung oder Auseinandersetzung im ÖV rasch zu intervenieren. Die ermittelnde Behörde ist die Polizei – weshalb Sie die Transportpolizei weiterleiten musste, damit Sie eine Anzeige erstatten konnten. Da dies nur persönlich auf einem Posten der Kantons- oder Stadtpolizeien oder schriftlich vorgenommen werden kann, wurden Sie schliesslich noch zu einem Posten weitergeleitet.

Als ich belästigt wurde, habe ich ein Foto vom Täter gemacht. Würden Sie dieses Vorgehen empfehlen? Man kann davon ausgehen, dass ein Täter unter keinen Umständen aus seiner Anonymität herausgerissen werden will. Deshalb raten wir vom Fotografieren ab, weil dies zu einer Eskalation der Situation führen kann. Sicherer ist es, sich Tätermerkmale wie Kleidung und Statur einzuprägen.

Welches Verhalten ist allgemein ratsam, wenn man im öffentlichen Raum sexuell belästigt wird? Am besten schützen kann man sich, indem man versucht, heikle Situationen zu umgehen – beispielsweise bei alkoholisierten Gruppen die Strassenseite wechseln. Wenn es trotzdem zu einer sexuellen Belästigung kommt, empfiehlt es sich, Unterstützung zu holen, zum Beispiel andere Reisende, das Zugpersonal oder Passanten. Indem man den Täter siezt, merkt das Umfeld, dass es sich nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Freunden handelt. Leider ist die Hilfsbereitschaft bei einem einfachen 'Helft mir' erfahrungsgemäss tief, weshalb man Leute in der Umgebung konkret um Hilfe bitten sollte.

Wie mache ich das am besten? Eine Person direkt anzusprechen hilft schon. 'Sie in der gelben Jacke, rufen Sie die Polizei!' zieht die Menschen aus der passiven Zuschauerrolle. Im ÖV empfehlen wir, im Sinne von 'der Klügere gibt nach', das Abteil oder gar den Wagen zu wechseln.

In Frankreich werden seit diesem Jahr verbale sexuelle Belästigungen mit bis zu 750 Euro Busse bestraft. Was gilt in der Schweiz? Auch in der Schweiz kann man Anzeige gegen sexuelle Belästigung erstatten, die verbal erfolgt – das Strafgesetzbuch sieht dafür eine Busse vor. Ob etwas als verbale sexuelle Belästigung gilt und bestraft wird, muss jedoch die Justiz beurteilen.

Wann gilt eine Handlung als strafbar? Wenn sich eine Person in ihrer sexuellen Integrität bedroht oder belästigt fühlt. Diese Grenze ist sehr individuell. Entscheidend ist, dass sich jede Person, die sich belästigt oder bedroht fühlt, zur Polizei gehen und eine Anzeige erstatten kann.

Wie sollte man bei einer Anzeige vorgehen? Am besten reagiert man akut in der Situation, so ist die Wahrscheinlichkeit am grössten, den Täter zu fassen. Nach einem Notruf kann man die Anzeige gemeinsam mit der ausgerückten Patrouille auf der nächsten Polizeiwache erstatten. Bei einer Belästigung im ÖV ist es wichtig, dass man den Vorfall innerhalb von 24 Stunden bei der Polizei meldet, da allfälliges Videomaterial der Überwachungskamera nicht über einen längeren Zeitraum gespeichert werden kann.

Heisst das, dass eine spätere Anzeige nicht mehr möglich ist? Doch. Oft befindet sich das Opfer in einem Schockzustand und kann oder will nicht sofort reagieren. Eine Anzeigenerstattung ist aber bei einem Antragsdelikt wie sexueller Belästigung auch bis zu drei Monaten nach der Tat noch möglich. Für ein Offizialdelikt gilt je nach Tatbestand eine längere Zeit. Falls der Täter nicht identifizierbar ist, wird eine Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Bezahlt man für eine Anzeige? Nein, eine Anzeige ist gratis. Die Polizei verfasst einen Anzeige-Rapport, den sie anschliessend der Staatsanwaltschaft schickt. Nach einer Überprüfung geht das Dossier zur urteilenden Instanz, dem Gericht. Wenn die Anzeige dem Wahrheitsgehalt entspricht, ist der ganze Ablauf für die Anklägerin oder den Ankläger kostenlos.

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