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"Ich bin nicht einmal nüchtern klar im Kopf"

von Anaïs Rufer

30 JANUAR 2020

Life

Silas* ist wegen der Spätfolgen eines LSD-Trips in der psychiatrischen Klinik gelandet. Der 20-Jährige hat uns seine Geschichte erzählt.

Früher war ich offen, lustig, partyfreudig und lebensfroh – aber auch verantwortungslos. Gemeinsam mit einem Freund habe ich häufig die ganze Nacht durchgemacht, gekifft und Gitarre gespielt. Wir sind richtig gute Freunde geworden. Dann bin ich am nächsten Tag jeweils völlig kaputt in der Schule aufgetaucht. Ich hatte so einen Drang: Ich bin jetzt 17, ich muss jetzt leben.

Mein Freund fragte mich irgendwann, ob ich mit ihm MDMA ausprobieren möchte. Ich war unglaublich neugierig – und willigte ein. Der MDMA-Trip war überwältigend: Das Gefühl der Ekstase und der Ruhe war unglaublich. Ich wusste, dass das nicht das letzte Abenteuer mit Drogen sein würde. Kurz darauf habe ich LSD ausprobiert.

Warnzeichen ignoriert

Nach einigen Trips merkte ich aber, dass ich LSD nicht gut vertrage. Während den Highs begegnete mir oft eine Hexe, die mich beobachtete. Häufig dachte ich, jemand packt mich oder will mich aus dem Fenster stossen. Die Warnzeichen ignorierte ich. Von meinen achtstündigen Highs ging ja jeweils nur eine Stunde schief. Dann kam aber der Horrortrip.

Am Tag des Horrortrips sagte mir mein Dealer, der Filz enthalte die vierfache Dosis LSD, die ich mir gewohnt war. Was dann folgte, war ein Albtraum.

Der krasseste Trip aller Zeiten

Überall waren Ameisen, ich spürte, wie mich böse Blicke durchlöcherten. Als mir etwas runterfiel, hatte ich das Gefühl, in der Hölle zu versinken. Ich wusste nicht einmal mehr, wer ich bin. Man hätte mir jeden Quatsch erzählen können, ich hätte es geglaubt. Ich dachte die ganze Zeit, etwas packt mich und bringt mich um. Ich hatte das Gefühl, ich sterbe.

Es war der krasseste Trip aller Zeiten. Normalerweise dauert ein LSD-Trip etwa acht Stunden. Es vergingen zwölf Stunden, bis ich mich auch nur ein bisschen beruhigt hatte. Das LSD hat mich völlig umgehauen. Danach war für mich klar: jetzt ist Schluss mit Drogen.

Start der heftigen Psychose

Am Kiffen bin ich trotzdem hängen geblieben, weil ich das Soziale daran so vermisste. Das tat ich, obwohl mein Kopf nicht klar war und obwohl ich noch immer vom LSD halluzinierte. Etwa ein Jahr nach meinem Horrortrip, vergangenen Sommer, waren die psychotischen Symptome so stark wie noch nie.

Mein Kopf begann zu spinnen, aber so richtig: Ich hatte das Gefühl, ich werde gejagt, mein Geist war konstant verschwommen. Die Ärzte vermuten, dass dieser Zustand durchs Kiffen ausgelöst wurde. Was ich nicht wusste: MDMA und LSD in Kombination mit Gras erhöhen die Gefahr, eine Psychose zu bekommen.

"Es hilft, ein stabiles Umfeld zu haben"

Schliesslich habe ich mich selbst in die Klinik eingewiesen. Zum Glück wurde ich sowohl von meinen Eltern, meiner Freundin, Verwandten und von der Schule unterstützt und werde das noch immer. Ich bin so froh, ein stabiles Umfeld und eine Perspektive zu haben. Das hilft.

Bis in der Klinik passende Medis gefunden wurde, mussten ziemlich viele Kombinationen ausprobiert werden, da die meisten Medikamente nicht richtig angeschlagen haben. Zusätzlich wurde mir ein Antidepressiva verschrieben, weil Menschen, die an Psychosen leiden, häufig auch depressive Phasen durchlaufen.

Klinikzeit war Horror

Die Klinikzeit war überhaupt nicht schön. In dieser Zeit ist es mir furchtbar gegangen und ich habe mich wahnsinnig nutzlos gefühlt. Ich ging die ganze Zeit davon aus, dass, würde ich nach zwei Monaten entlassen werden, alles wieder gut ist.

Jetzt bin ich aber seit vier Monaten wieder draussen und trotz Medis sind die Symptome dieselben – manchmal etwas stärker, manchmal etwas schwächer. Das Schlimmste ist, dass ich nicht einmal nüchtern klar im Kopf bin.

"Ich möchte die Matura schaffen"

Ich artikuliere schlechter und ständig sausen mir tausend unkontrollierbare Gedanken durch den Kopf. Ich fühle mich einfach unwohl und sehr schlecht berauscht. Manchmal trauere ich dem positiven Rauschgefühl hinterher. Partyfreudig bin ich eigentlich noch immer, aber mit meinem vollen Kopf, ist es mir auch an Partys oft zu viel.

Ich bereue das, was passiert ist, extrem. Und ich habe Angst, dass ich mich in einer ausweglosen Situation befinde, die so bleiben wird, für immer. Aber es bringt nichts, ich muss da durch. Meine Träume sind bodenständig: Ich möchte einfach endlich meine Matura schaffen, ausziehen und dann einen Job suchen.

*Name von der Redaktion geändert

Hier findest du Hilfe

Es gibt diverse Anlaufstellen, an die du dich wenden kannst, zum Beispiel hier: Sucht Schweiz, Safezone oder Saferparty.ch.

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