Schweizer Wettbewerb Schweizer Wettbewerb Ii Youngvodka  1
Screenshot Kurzfilm youngvodka_

Dieser Kurzfilm begleitet eine Schweizer Instagrammerin

von Stephanie Vinzens

7 NOVEMBER 2018

Life

Was reizt so viele junge Frauen daran, sich auf Social Media zur Schau zu stellen? Das wollte die Filmemacherin Léa Hall wissen und hat mehrere Tage mit einer Instagrammerin verbracht.

Die Zürcherin Nicole nennt sich auf Instagram youngvodka_. Auf ihrem Profil gibt sie sich freizügig und provokant – in Netzstrümpfen und Tanga. Die 24-jährige Filmemacherin Léa Hall aus Basel hat sie mehrere Tage lang begleitet, um einer Frage auf den Grund zu gehen: Was treibt junge Frauen dazu, sich auf Social Media derart zu exponieren? Aus 15 Stunden Filmmaterial wurde der viertelstündige Kurzfilm "Youngvodka_". Er feiert morgen an den Internationalen Kurzfilmtagen in Winterthur Premiere. Wir haben mit Léa über freizügige Selfies, Pop-Feminismus und Vorurteile gesprochen.

Léa, wie kamst du auf die Idee für deinen Kurzfilm? Mir ist aufgefallen, was für ein riesiges Thema die freizügige Selbstinszenierung auf Instagram ist. Leute in meinem Umfeld sprechen davon, die Medien thematisieren es, es gibt psychologische Studien darüber – aber nie wird mit den Instagrammerinnen selbst gesprochen.

Findest du diese Selbstinszenierung problematisch? Eigentlich finde ich es gut, dass Frauen ihre Körper so zeigen können, wie sie wollen. Problematisch ist aber, dass sich junge Frauen von populären Bildern beeinflussen lassen und diese wiedergeben. Unbewusst.

Einige – allen voran Model Emily Ratajkowski – bezeichnen es als feministisch, sich nackt zu zeigen. Nicole spricht im Kurzfilm darüber – sie findet, dass viele Frauen den Feminismus als Vorwand nehmen, sich auf Instagram freizügig zu geben. Ich stimme ihr zu. Der Begriff Feminismus wird von der Popkultur missbraucht.

Inwiefern? Berühmtheiten wie Beyoncé oder die Kardashians nutzen ihn, um Profit zu erzielen. Sich auszuziehen, ist plötzlich feministisch geworden. Ganz im Sinne von: Keiner darf mir vorschreiben, was ich mit meinem Körper mache. Durch sexy Selfies normalisieren Frauen aber, dass sie objektiviert werden – sie inszenieren sich gar selbst als sexuelles Objekt.

Kannst du das genauer ausführen? Auffallend oft – wenn auch nicht bei Nicole, die ich begleitet habe – findet man in den Captions unter freizügigen Fotos Bezug auf das männliche Geschlecht. Etwa durch Sprüche wie “You’ll end up missing me”. Man möchte durch solche Fotos also begehrt werden. Das ist in Ordnung, hat aber wenig mit Feminismus zu tun.

Nicole postet aber oft Bilder, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Sie zeigt teils auch Körperbehaarung. Das war nicht immer so. Der Druck, immer perfekt sein zu müssen, wurde ihr irgendwann zu viel und sie wollte mit diesen Idealen brechen. Dadurch hat sie viele Follower verloren – aber ich denke es hat ihr gut getan und ihr geholfen, ihre eigenen Bedürfnisse zu entdecken. Man muss aber auch sehen, dass es mittlerweile Mode ist, edgy zu sein – da sind wir wieder beim Pop-Feminismus.

Was hat dich während dem Dreh am meisten herausgefordert? Ich habe beim Filmen eine Freundschaft zu Nicole entwickelt. Da bin ich ins Hadern gekommen. Auf der einen Seite wollte ich sie schützen, auf der anderen Seite fand ich es wichtig, ihr Handeln auch kritisch zu betrachten.

Hast du dich deshalb als Gesprächspartnerin im Film zurückgenommen? Nein. Ich hatte nie vor, ihr meine Meinung aufzudrücken. Ich wollte herausfinden, wie es ihr dabei geht – nicht sie herabstufen oder belehren. Denn obwohl ich kritisiere, was sie macht, verstehe ich, wieso sie es tut.

Wieso? Sie hat sich ihr ganzes Leben in dieser Welt bewegt. Von einem jungen Mädchen, das Ballett tanzt und ständig auf ihren Körper reduziert wird, zu einer jungen Frau, die in der Modewelt arbeitet. Uns Frauen wird ja generell früh beigebracht, uns durchs Äussere zu profilieren und so Selbstbewusstsein zu erlangen.

Was war die grösste Überraschung während der Arbeit am Film? Nicole selbst. Vor unserer ersten Begegnung war ich total voreingenommen und habe gedacht, ich treffe die Person vom Instagram-Profil. Stattdessen begegnete mir eine junge Frau, die total herzlich und offen ist, gleichzeitig aber auch scheu.

Was hast du aus den Gesprächen mit ihr gelernt? Dass zwei Frauen aus extrem verschiedenen Welten sich trotzdem toll verstehen können. Und wie wichtig es ist, seine Vorurteile auch mal beiseite zu legen. Sich zu fragen, wieso eine Person gewisse Dinge tut, anstatt sie dafür zu verurteilen.

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur finden vom 6. bis 11. November 2018 statt. In verschiedenen Winterthurer Kinos werden 250 Kurzfilme vorgestellt. Ihr könnt euch "youngvodka_" im Rahmen des Schweizer Wettbewerbs II zusammen mit fünf weiteren Kurzfilmen an folgenden Daten ansehen: 8. November 22:00, 9. November 19:30 und 11. November 13:00. Mehr dazu hier.

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