Aufmacher Credit Amnesty International Gif Friday
Amnesty International Gif Friday

Diese Kampagne thematisiert sexuellen Konsens

von Stephanie Vinzens

1 JULI 2019

Life

Die neue Kampagne von Amnesty International will deutlich machen: Für jede sexuelle Handlung braucht es klare gegenseitige Zustimmung.

Verzerrte Gesichter und lautes Stöhnen: In der neuen Kampagne der Menschenrechtsorganisation Amnesty International schaut man Menschen dabei zu, wie sie ihren Höhepunkt erleben – beziehungsweise so tun. Gerade wenn es beginnt, als Zuschauerin etwas unangenehm zu werden, spult der Clip rückwärts und die Protagonisten sprechen mit einem Lächeln ein freudiges "Ja" in die Kamera.

Die vier kurzen Videos wurden von der Schweizer Regisseurin und Juristin Barbara Miller gedreht, die letztes Jahr für ihren Dokumentarfilm #Female Pleasure viel Lob erhielt. Die Kampagne wird in den sozialen Medien, an Film- und Musikfestivals sowie auf Plakaten zu sehen sein. "Wir wollten ein sehr ernsthaftes und wichtiges Thema auf eine lebensbejahende und positive Art umsetzen", so Miller.

"Eigentlich das Natürlichste der Welt"

Da für viele junge Leute pornografische und gewaltverherrlichende Videos heute Alltag seien, überrasche es einige, dass nach der Orgasmusszene plötzlich dieser Moment der Zustimmung gezeigt werde, so Noëmi Grütter, Frauenrechts-Expertin bei Amnesty. "Dabei ist es eigentlich das Natürlichste der Welt, dass Menschen, bevor sie miteinander schlafen, einander zu verstehen geben, dass sie den Sex auch wollen."

Mit dem Slogan "Erst Ja, dann Ahh..." will Amnesty klar machen, dass es für jede sexuelle Handlung gegenseitige Zustimmung braucht. Die Kampagne geht damit noch einen Schritt weiter, als die bisher bekannte Forderung "Nein heisst Nein". Anstatt zu suggerieren, dass Sex etwas ist, dem wir automatisch zustimmen – ausser wir sagen explizit Nein –, legt Amnesty den Fokus auf sexuelle Selbstbestimmung.

Ganz wörtlich müssen wir das jedoch nicht nehmen, meint Grütter: "Das erotische Spiel in all seinen Facetten bleibt genau gleich. Wir wollen den Leuten nicht vorschreiben, was sie genau zu sagen oder zu tun haben. Wichtig ist, dass beide wissen, dass das Gegenüber wirklich Sex haben will – das kann auch nonverbal klar gemacht werden." Für viele Menschen mag das heute schon üblich sein, die Schweizer Gesetzeslage hinkt jedoch hinterher.

Für Opfer sexueller Gewalt ist es hierzulande schwierig, vor Gericht gegen ihre Peiniger vorzugehen. Die Definition der Vergewaltigung im Schweizer Strafgesetz fokussiert stark auf die Anwendung von Gewalt und Drohung. Damit wird indirekt vom Opfer verlangt, dass es sich zur Wehr setzt. Dies ist in der Realität aus vielen Gründen jedoch problematisch. Beispielsweise fallen Betroffene häufig in einen Schockzustand oder sie setzen sich aus Angst vor weiterer Gewalt nicht zur Wehr.

Kämpfen für die Modernisierung

In einer Analyse kam Amnesty International zum Schluss, dass das Schweizer Strafrecht bei Sexualdelikten nicht mit internationalen Menschenrechtsnormen vereinbar sei. In acht europäischen Ländern wie etwa Deutschland, Schweden oder Grossbritannien gilt gesetzlich bereits das Prinzip des gegenseitigen Einverständnisses. "Unser Land gilt bei gesellschaftspolitischen Entwicklungen nicht gerade als das progressivste – aber wir werden solange dafür kämpfen, bis das Gesetz modernisiert wird", so Grütter.

"Sexszenen überraschen heute niemanden mehr. Spricht man aber über sexuelle Gewalt, sind die Menschen schockiert”, sagt Model und Influencerin Karen Fleischmann, die in einem der Kampagnen-Clips zu sehen ist. "Wir haben in der Schweiz das Privileg, solche Themen ansprechen zu können. Das möchte ich nutzen", so die 34-Jährige aus dem Kanton Schwyz.

Ihr sei es wichtig, Mädchen und Frauen zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstbestimmtheit zu animieren und zwar in allen Lebensbereichen – auch beim Sex. Das Model, das für ihr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit bekannt ist, steht zwar häufig vor der Kamera, die Orgasmusszene kostete sie jedoch einiges an Überwindung: "Das war sogar für mich heftig. Etliche Augen waren auf mich gerichtet."

Jede Fünfte hat sexuelle Gewalt erlebt

Dass sexuelle Gewalt gegen Frauen hierzulande häufig unterschätzt wird, zeigte kürzlich eine Umfrage von gfs.bern, die im Auftrag von Amnesty International durchgeführt wurde. So hat in der Schweiz jede fünfte Frau bereits sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erlebt.

Zwölf Prozent erlitten Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen und sieben Prozent wurden durch Festhalten oder Zufügen von Schmerzen zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Um Frauen besser vor sexueller Gewalt schützen zu können, fordert Amnesty Schweiz deshalb, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung gesetzlich als Vergewaltigung gelten soll.

In einer Petition ruft Amnesty die Bundesrätin Karin Keller-Sutter und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) dazu auf, bezüglich sexuelle Gewalt umfassende Massnahmen zu ergreifen. Bereits über 15’000 Unterschriften wurden bisher gesammelt. Hier gibts mehr Infos.

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