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Lukasz Wierzbowski

"Dass die Sonne schien, kam mir falsch vor"

von Gina Buhl

28 AUGUST 2018

Life

Depressive Verstimmungen im Winter kennen viele. Friday-Leserin Viktoria* erzählt uns, wie sie unter Sommerdepressionen litt.

Zwischen Juni und September hängen wir mit Freunden in der Badi rum, hüpfen von Apéro zu Apéro, tanken Energie an der Sonne. Für Menschen mit einer Sommerdepression wird genau diese Zeit zur Qual. Die eher seltene Sonderform der Depression gehört zu den saisonal affektiven Störungen (SAD). Endeckt hat sie der US-Psychiater Norman Rosenthal 1984.

Meist schlafen und essen Sommerdepressive sehr wenig und verlieren dadurch stark an Gewicht. Auffällig oft sind junge Frauen betroffen – wieso, konnten Wissenschaftler bisher nicht klären.

Wie es sich anfühlt, im Sommer komplett down zu sein, weiss die 27-jährige Friday-Leserin Viktoria*.

"Nichts hat mehr geschmeckt, nichts mehr nach irgendetwas gerochen, nichts hat sich mehr richtig angefühlt. Ich konnte nicht mehr denken, keine Entscheidungen treffen. Es war der Beginn der Semesterferien. Dass draussen die Sonne schien, kam mir so falsch vor. In mir war nur noch dieses grosse dunkle Loch. Tagsüber fühlte ich mich wie gelähmt, hatte keine Lust, irgendetwas zu unternehmen. Nachts kreisten meine Gedanken in Endlosschleife um sich selbst: Was war los mit mir?

Am schlimmsten war dieses anhaltende Gefühl des Nichtdazugehörens. Ich wusste, dass ich eigentlich auch in der Badi oder sonst irgendwo draussen abhängen sollte. Dass jetzt eigentlich die Zeit wäre, übers Wochenende wegzufahren und Freunde zu besuchen. Das, was alle anderen im Sommer so tun. Das, was für mich im Sommer davor auch normal war.

Im Herbst verblasste das Gefühl


Es wurde jedes Jahr schlimmer. 2015 dachte ich, die Trennung von meinem Freund stecke mir noch zu stark in den Knochen. Das Jahr danach machte ich den Stress in der Uni für dieses dumpfe Gefühl in mir verantwortlich. Im Herbst verblasste es wieder. Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Sommer und meinem Zustand geben könnte? Darauf wäre ich niemals gekommen.

Meinen Tiefpunkt erreichte ich letztes Jahr. Damit meine Kolleginnen nicht merkten, wie schlecht es mir ging, habe ich ihnen ständig irgendwelche Ausreden aufgetischt, um sie nicht treffen zu müssen. Ich tat, als wäre ich total busy – dabei lag ich zwei Wochen am Stück quasi regungslos in meiner Wohnung. Bis mich eine Freundin direkt darauf ansprach. Bei einem langen Gespräch wurde mir klar, dass ich Hilfe brauchte. Nach einigen Abklärungen diagnostizierte mein Therapeut eine saisonale Depression und verschrieb mir Medikamente.

Und ja, dieses Jahr gings besser. Ganz ehrlich: Wirklich gefreut auf den Sommer habe ich mich immer noch nicht, aber er kam mir seit langem wieder etwas heller und freundlicher vor."

*Name von der Redaktion geändert

Adressen und Infos zum Thema Depressionen findest du etwa bei der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression; sgad.ch

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