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"Das Wort des Jahres zeigt, dass die Stimmung mies ist"

von Gina Buhl

21 DEZEMBER 2018

Life

Die Oxford Dictionaries haben "Toxisch" zum Wort des Jahres gekürt. Wir haben den Soziologen Ueli Mäder gefragt, was das über unsere Gesellschaft aussagt.

Das Jahr 2018 war toxisch – zumindest wenn es um die Verfasser der Oxford-Dictionaries geht. "Nie zuvor haben Menschen das Wort toxisch so häufig benutzt, um Situationen, Dinge und Zustände zu beschreiben", so die Wörterbuch-Macher in ihrer offiziellen Begründung. Seien es die Auswirkungen unseres Plastik-Konsums oder der Gesundheitszustand der Bevölkerung: "Sie alle waren toxisch". Viel mehr noch, sei das Wort aber als Metapher omnipräsent gewesen – etwa um Arbeitsplätze, Beziehungen oder Kulturen zu beschreiben.

Giftig und gefährlich

"Grundsätzlich sagt Sprache ja immer viel darüber aus, was sich in unserer Gesellschaft tut – sie prägt die Geschehnisse gleichzeitig aber auch", erklärt Professor Ueli Mäder, emeritierter Soziologe der Uni Basel. Toxisch sei vor allem deshalb so interessant, weil es uns aufzeigt, dass die Stimmung in unserer Gesellschaft derzeit für viele ziemlich mies ist. "Das Wort deutet an, dass vieles als giftig und gefährlich empfunden wird und sich das Klima in der Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht nicht gebessert hat. Auch die verschärfte soziale Brisanz lässt sich erkennen", so der Experte weiter.

"Hier stimmt etwas nicht"

Welchen Einfluss so ein Wort auf Debatten hat, die wir führen? "Wenn uns sprachlich häufig 'das Toxische' begegnet, sagt uns das: Hier stimmt etwas nicht. Hier ist etwas Gefährliches im Gange. Die #MeToo-Bewegung mit der 'toxischen Männlichkeit' sei ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Wort eben in Debatten integriert wird: "Einerseits macht die Begrifflichkeit vorherrschende giftige Strukturen deutlich und betont die Ernsthaftigkeit des Problems."

Andererseits könne es aber auch Risiken bergen: "Wenn so ein Wort inflationär verwendet wird, ermüdet es die Leute irgendwann." Dann verliert toxisch also seinen Alarm-Charakter und nervt. "Das Gute ist ja, dass Sprache auf solche Ablehnungshaltungen reagiert und sich ändert." Und dass sich ein neuer Tonfall dann auch in gesellschaftlichen Debatten wiederfindet.

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