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Das hat die #MeToo-Debatte bei uns persönlich ausgelöst

von Friday Magazine

10 OKTOBER 2018

Life

Am Montag wird es ein Jahr her sein, seit der Hashtag #MeToo viral ging. In den kommenden Tagen findet ihr hier Storys rund ums Thema. Zum Anfang: So hat Debatte die Friday-Redaktion bewegt.

Redaktorin Gina Buhl ist im letzten Jahr mutiger – und wütender – geworden:

"Ich bin mutiger geworden: Weil ich jetzt, wenn mich ein Mann auf der Strasse so anschaut, als würde er sich gerade vorstellen wie ich nackt aussehe, selbstbewusst zurückstarre – bis er wegschaut, und nicht ich. Weil ich, wenn mir ein besoffener Typ in die Haare grapscht, jetzt stehen bleibe. Ihm sage, er soll seine Pfoten da weg nehmen – und die Sache nicht mehr ignoriere. Weil ich, wenn ich im Meeting zum fünften Mal von einem Mann unterbrochen werde, sage, dass ich noch nicht fertig war – und nicht einfach ruhig bin.

Ich bin auch wütender geworden: Weil ich, wenn ich erkenne, wie tief verwurzelt sexistische Strukturen in unserer Gesellschaft sind, nur noch schreiend davonrennen möchte. Weil ich es nicht fassen kann, wie viele Männer sich innerhalb des letzten Jahres in bockige Kindergartenkinder verwandelt haben, weil sie nicht wissen, was richtig und falsch ist. Obwohl das falsche so offensichtlich ist.

Und ich bin überzeugter geworden. Davon, dass jeder einzelne von uns, etwas gegen Sexismus unternehmen muss. Unbedingt und sofort."

Beauty-Praktikantin Luise Pomykaj findet, dass auch Frauen, die nicht belästigt wurden, Teil des Movements sind:

"Obwohl ich wusste, dass Frauen überall auf der Welt sexuell belästigt werden, hat #MeToo mein Bewusstsein gestärkt und für viele Gespräche gesorgt. Mit Frauen, Männern, Freundinnen, Menschen, die ich vor ein paar Stunden noch nicht kannte. Dass man darüber spricht, was einem widerfahren ist oder was man zu Geschehnissen meint, war vorher irgendwie nie der Fall, obwohl doch fast jede von uns ihre Erfahrung gemacht hat. Was ich aber auch wichtig finde: Auch Menschen, die nie sexuell belästigt wurden, sind Teil von #MeToo, des Movements. Solange wir sprechen, zuhören, handeln und dafür sorgen, dass das Thema auch in der Zukunft im Bewusstsein bleibt."

Produzent Antonio Haefeli findet Männer peinlich, die gegen die Message von #MeToo argumentieren:

"Durch #MeToo wurde mir vor allem klar, auf welch wackeligen Beinen die selbstdefinierte Männlichkeit von so manchem steht. Der einfallslose Trotz, mit dem einige Männer in den Kommentarspalten gegen die Message von #MeToo argumentieren, ist an Peinlichkeit kaum zu übertreffen. Zur Erinnerung: Es geht um sexuelle Gewalt. Es geht um die Auflehnung gegen ein Patriarchat, das Frauen über Jahrhunderte klein gehalten hat – so lange, dass heute viele selbst nicht mehr so genau wissen, ob sie tatsächlich das Recht haben, selbstbestimmt durchs Leben zu gehen. Dagegen steht ernsthaft die Frage: "Darf man denn jetzt nicht mal mehr Komplimente machen?!" Das ist echt armselig. Wer über Empathie verfügt – by the way ein weder männliches noch weibliches Attribut, sondern ein menschliches – begreift die Message sofort. Zum Glück sehen die meisten Männer, die ich kenne, über den "Hype" hinweg und versuchen ihren Beitrag zu leisten, dass #MeToo genauso Geschichte wird, wie das Frauen- und Männerbild von Gestern."

Text-Praktikantin Alisa Fäh findet es problematisch, dass viele Leute #MeToo mittlerweile ins Lächerliche ziehen:

"#MeToo hat mein Bewusstsein für Sexismus geschärft und notwendige Diskussionen angeregt. Aber leider musste ich in letzter Zeit häufig erleben, dass #MeToo nach einem Jahr nicht mehr ernst genommen wird. "Mimimi er hat ihr in den Ausschnitt geschaut, Mimimi einer hat mir nachgepfiffen" – Immer öfter hörte ich, dass manche Männer und Frauen vom Thema genervt sind und es mit solchen Aussagen ins Lächerliche ziehen. Dabei geht die wichtige Message verloren: Mit unserer Gesellschaft stimmt was nicht, wenn Mädchen Selbstverteidigungskurse und Pfefferspray auf den Weg gegeben werden. Auch wenn es manche nerven mag – wir müssen an #MeToo dranbleiben und weiterhin darüber reden, damit sich langfristig wirklich etwas ändert."

Redaktorin Stephanie Vinzenz hat sich Gedanken über Weiblichkeit gemacht:

"Ich hab mir meine Haare kurz geschnitten. Klingt banal, kostete mich aber reichlich Überwindung. Ich hatte seit Jahren eine lange Wallemähne, an der ich panisch – wirklich sehr panisch – hing. Viele Frauen kennen es: Man fürchtet sich davor, ohne sie nicht mehr zu gefallen. Nicht mehr weiblich zu sein. Einige haben sogar einen Freund, der auf lange Haare besteht. Die von #MeToo angeregte Debatte rund um Sexismus stimmte mich jedoch nachdenklich – und mutig. Wieso ist es mir wichtig, ins Bild der perfekten, langhaarigen Frau zu passen? Ich griff spontan zur Schere und schnitt mir einen Bob. Und wisst ihr was? Es war unglaublich befreiend – diese ganze Erwartungshaltung ans weibliche Aussehen einfach weg zu schnippeln. Ob ich jetzt nie mehr lange Haare will? Natürlich nicht. Bloss werde ich sie das nächste Mal wachsen lassen, weils mir gefällt. Nicht weil ich Angst davor habe, ohne sie nicht weiblich genug zu sein."

Redaktorin Marie Hettich merkt, dass Männer immer noch aus allen Wolken fallen, wenn sie auf Sprüche reagiert:

"MeToo hat den Feminismus wieder salonfähig gemacht, sagt die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach. Ich spüre das deutlich: Noch vor einem Jahr konnte ich über feministische Anliegen nur mit ein paar Freundinnen sprechen. Heute entflammen auch auf Familienfeiern Diskussionen über Belästigung, Lohnungleichheit oder die Frauenquote. Ich schaue mit viel Begeisterung auf das Jahr zurück: Etliche Drecksäcke wurden von ihrem scheinbar sicheren Thron gestossen, Frauenstimmen waren in der breiten Öffentlichkeit so laut wie noch nie. Seit #MeToo reagiere ich deutlich häufiger darauf, wenn ich im ÖV angestarrt werde oder mir ein Spruch hinterhergerufen wird. Und es ist krass: Die Männer fallen jedes Mal aus allen Wolken. Wir haben also noch zu tun."

Mode-Assistentin Sonja Siegenthaler wird am Bahnhof ihres Heimatdorfs immer noch blöd angemacht:

"Ob sich in meinem Umfeld seit #MeToo etwas verändert hat? Diese Frage kann ich mit einem eindeutigen Nein beantworten. Noch immer werde ich im Ausgang von Typen unangenehm angemacht, noch immer kann ich in meinem Heimatdorf nicht alleine auf den Zug warten, ohne Pfiffe und anstössige Sprüche hören zu müssen und noch immer kommen Männer wie Kavanaugh an die Macht. Was sich verändert hat, ist nicht in meinem Umfeld spürbar, sondern in meinem eigenen Denken und Handeln. Ich wehre mich. Fertig mit dem Kopf-Einziehen, damit mich ein Cat-Caller übersieht, nie mehr werde ich einen Club verlassen, weil mich dort ein Typ begrapscht hat - von dieser unsäglichen Wut will ich nie wieder gelähmt werden. Ich konfrontiere jeden, der mir ein unangenehmes Gefühl vermittelt. Auf den nächsten Grapscher folgt eine Anzeige, fertig. #MeToo ist für mich kein Medienhype oder Pseudofeminismus, #MeToo hat mir Selbstvertrauen gegeben."

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