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Darum kann ich jede Frau verstehen, die kein Kind will

von Marie Hettich

12 DEZEMBER 2018

Life

Um die Überalterung Europas aufzuhalten, müsste jede Frau schleunigst mindestens zwei Kinder bekommen. Redaktorin Marie Hettich hat Europa einen Brief geschrieben – und hofft auf Einsicht.

Hallo Europa,

Erst vorgestern habe ich mal wieder gelesen, dass du dringend Nachwuchs brauchst. Genauer: durchschnittlich 2.1 Kinder pro Frau. Du machst dir Sorgen, weil es bald viel mehr alte als junge Menschen gibt, und damit die Alten den Jungen zur Last fallen werden.

Wie du weisst, sind wir von der Zahl 2.1 weit entfernt. In der Schweiz bekommt eine Frau durchschnittlich 1.5 Kinder – in der EU sind es mit einem Gesamtdurchschnitt von 1.6 nur minimal mehr. Und ich will ehrlich mit dir sein: Mich wundert das nicht. Ich kann jede Frau verstehen, die nach einem nicht noch ein zweites bekommt. Ich verstehe auch diejenigen, die gar keine Kinder möchten, und es empört mich, dass viele sich für diese Entscheidung immer noch rechtfertigen müssen.

Ich bin im Februar 30 geworden und damit eine der Frauen, die du von deinem Anliegen dringend überzeugen müsstest. Denn schon in vier Jahren werde ich als risikoschwanger gelten. Und in zehn Jahren wäre es höchstwahrscheinlich zu spät. Das Thema drängt. Es bedrängt mich regelrecht. Manchmal werde ich nachts wach und starre grübelnd in die Dunkelheit.

Warum mich das Kinderthema belastet? Weil ich mich mit dieser riesengrossen Lebensentscheidung von der Gesellschaft allein gelassen fühle. 2.1 Kinder pro Frau wären nötig, um den demografischen Wandel in den Griff zu kriegen? "Pro Frau"? Auch wenn mir diese Formulierung irgendwie einleuchtet, weil es nun mal wir Frauen sind, die Kinder gebären, klingt sie trotzdem, als hätten Männer mit Kindern nichts zu tun.

Und das stimmt gewissermassen ja auch: Für die allermeisten Männer ändert sich im Alltag so gut wie überhaupt nichts, wenn sie Väter werden. Für die allermeisten Frauen hingegen ändert sich gut so wie alles. Du wirst lachen, aber in der Schweiz, wo ich wohne, wird gerade allen Ernstes darüber diskutiert, ob zwei oder vier Wochen Vaterschaftsurlaub angemessen sind. Aktuell müssen Väter noch auf die Gnade ihres Arbeitgebers hoffen. Im Worst Case gibts nur einen Tag frei – wie bei einem Umzug. Das Wort Elternzeit existiert überhaupt nicht, was immerhin suggerieren würde, dass auf den gemeinsamen Sex auch gemeinsame Verpflichtungen folgen.

Aber nein. Es ist normalerweise immer noch die Mutter, die monate- oder jahrelang zuhause bleibt, und falls sie das nicht tut, wird sie höchstwahrscheinlich 40%, 50% oder 60% arbeiten und mit ihrem sowieso schon kleineren Lohn lächerlich wenig in ihre Pensionskasse einzahlen können. Und selbst wenn sie eine 80%- oder eine Vollzeitstelle haben sollte, zeigen zig Studien, dass der Haushalt, das An-alles-denken, das Daheimbleiben, wenn ein Kind mal krank ist, eben doch Frauensache bleibt – und zwar in ganz Europa. Gleichberechtigung sei eine Illusion, sobald Kinder da sind, so der Konsens diverser Bücher, die in den letzten Jahren von ernüchterten Müttern geschrieben und ernüchtert von mir gelesen worden sind.

Europa, du musst wissen, dass ich mein Leben ziemlich gut finde, wie es ist. Es besteht aus vielen verschiedenen Bausteinen, die mich glücklich machen. Die mir viel zu wichtig sind, um sie jahrelang gegen einen einzigen Baustein, die Rolle der Mutter, zu tauschen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es sehr, sehr vielen Frauen in meinem Alter genauso geht. Eins kann ich dir also versprechen: Solange wir Frauen unser Leben gegen ein Baby eintauschen müssen, kannst du noch lange von einem Geburtenboom träumen.

Marie

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