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Darum fühlen sich unsere Sorgen nachts so schlimm an

von Gina Buhl

16 JANUAR 2019

Health

Laut einer neuen Studie liegen über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer nachts grübelnd wach. Schlafpsychologe Stefan Siegfried erklärt, was das Gedankenkarussell so antreibt.

Herr Siegfried, warum grübeln wir nachts anders als am Tag? Tagsüber sind wir sehr auf die Aussenwelt fokussiert. Die Arbeit, die unser Sehsinn leistet, nimmt nämlich ganze 70 Prozent unserer Gehirnleistung und Aufmerksamkeit in Anspruch. Dadurch rücken Gefühle und Sorgen eher in den Hintergrund.

Was passiert nachts? Wenn wir im Bett die Augen schliessen, richtet sich die Aufmerksamkeit wieder mehr auf das Innere. Wir sind unseren Emotionen viel näher. Kleine Sorgen erscheinen plötzlich riesengross.

Wir können nicht schlafen. Genau. Und sobald wir das merken, baut sich eine innere Anspannung auf. Wir wollen wieder die Kontrolle übernehmen.

Ist das ein Problem? Ja, denn Schlaf lässt sich per se nicht kontrollieren. Das löst in uns das Gefühl aus, ausgeliefert zu sein – es werden noch mehr Stresshormone ausgeschüttet. Die innere Anspannung wächst und wächst.

Laut einer neuen Studie von Weleda leiden 56 Prozent der Frauen aber nur 35 Prozent der Männer unter Schlafstörungen. Überrascht sie das? Männer und Frauen gehen unterschiedlich mit Stress um. Daran sind unter anderem Hormone schuld. In Stresssituationen wird bei Männern mehr Testosteron ausgeschüttet, bei Frauen mehr Progesteron. Männern geraten in eine Art Kampf-Flucht-Modus, der sie zum Handeln zwingt. Bei Frauen hingegen führt das Hormon eher zu Verunsicherung.

Wir sind also einmal mehr unseren Hormonen ausgeliefert? Nein. Hormone sind nur eine Facette der Stressbewältigung. Es kommt darauf an, welche Strategien jemand im Laufe seines Lebens entwickelt hat, um mit Problemen umzugehen – und auch darauf, wie gross das Selbstbewusstsein ist.

Was meinen Sie damit? Vereinfacht könnte man sagen, dass weniger selbstbewusste Menschen schlechter schlafen. Wer nicht an sich selbst glaubt, gelangt eher in eine innere Anspannung und Verunsicherung.

Warum ist Schlaf überhaupt so wichtig für die Psyche? Grundsätzlich sind Körper und Seele eine Einheit. Während sich aber in der Tiefschlafphase unser Körper erholt – etwa das Immunsystem reguliert wird und die Reparatur der Zellen stattfindet – regeneriert der Traumschlaf, auch REM-Phase genannt, unsere Psyche. In dieser Phase wird das Tagesgeschehen verarbeitet, das Gehirn aufgeräumt und die psychische Balance wiederhergestellt.

Kann unser Körper das auch verlernen? Ich würde nicht sagen, dass wir das Schlafen verlernen können – eher die Entspannung. Wenn ich über einen längeren Zeitraum kein Auge zu mache, entsteht Angst. Angst davor, nicht mehr leistungsfähig und ausgeruht zu sein, Angst davor, dass es in der darauffolgenden Nacht wieder passiert, was wiederum zu Anspannung führt.

Welche Tipps sind wirklich hilfreich, um aus dem Gedankenkarussell auszusteigen? Nicht erst im Bett versuchen zu entspannen, sondern auch im Alltag Pausen einbauen. Ausserdem elementar: Nach 30 Minuten Schlaflosigkeit unbedingt aufstehen. Sonst bringt unser Gehirn nach vielen schlaflosen Nächten das Bett mit Ruhelosigkeit und Anspannung in Verbindung.

Aber wenn man aufsteht und weiter grübelt, wird man doch noch wacher, oder? Tatsächlich sollte man sich lieber nicht ans Handy oder an den PC setzen, oder in einen hell beleuchteten Raum gehen. Besser ein paar Seiten in einem Buch lesen und es dann nochmal probieren.

Was, wenn es trotzdem nicht klappt? Dann sollte man, so schwierig das auch klingen mag, versuchen, es zu akzeptieren und denken: Okay, jetzt ist mal wieder eine Nacht, in der ich eben nicht schlafe. Die Akzeptanz führt eher wieder zu Entspannung. Sie werden auch merken, dass eine einzelne schlaflose Nacht keine Katastrophe für den Job oder die Familie bedeutet.

Hier gehts zur Weleda-Studie und hier findet ihr mehr Infos über unseren Experten Stefan Siegfried und seine psychologische Praxis in Bern.

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