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Hört auf, kulturelle Aneignung schönzureden!

von Stephanie Vinzens

2 AUGUST 2019

Life

Cultural Appropriation bereitet Redaktorin Stephanie Kopfschmerzen. Hier rechnet sie mit den sechs häufigsten Irrtümern ab.

Wenn Kim Kardashian Braids trägt, Katy Perry im Geisha-Kostüm performt oder Ariana Grande sich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse "BBQ Grill" auf japanisch tätowieren lässt, schreit das Internet Cultural Appropriation, also kulturelle Aneignung.

Wenn eine Kultur sich Stilelemente einer Minderheit aneignet, ist das mittlerweile ein zuverlässiger Shitstorm-Auslöser – und das ist auch gut so. Bloss geht bei der ganzen Aufregung auch schnell mal die Sachlichkeit flöten. Um Klarheit zu schaffen, rechne ich mit sechs irreführenden Argumenten ab, die man immer wieder im Zusammenhang mit Cultural Appropriation hört.

1. "Ist doch nur ein Kostüm"

In einer idealen Welt wäre das so. Solange schwarze Frauen jedoch aufgrund ihrer natürlichen Haare einen Job nicht bekommen, asiatische Frauen fetischisiert werden und die Geschichte der Ureinwohner Amerikas nicht rückgängig gemacht werden kann, bleiben Haare und Kleidung sozialpolitische Angelegenheiten.

Für Minderheiten ist es oft schmerzhaft anzusehen, wie Aussenstehende sich das Schöne aus ihrer Kultur rauspicken, ohne sich dabei dem Rassismus stellen zu müssen, den sie selbst erleben. Wer sich an Kulturgut bedient, ohne es zu respektieren oder den ursprünglichen Kontext zu kennen, missbraucht nicht nur sein Privileg, sondern befeuert damit häufig auch Stereotypen.

2. "Ihr schränkt unsere Freiheit ein"

Gegner der politischen Korrektheit berufen sich nur allzu gerne auf die Meinungsfreiheit – und vergessen dabei, dass diese eben auch für Minderheiten gilt, die Privilegierte kritisieren. Den Anspruch zu haben, sich an einer Kultur bedienen zu können, während man den Angehörigen davon einen Maulkorb aufzwingt, ist purer Rassismus.

3. "Schwarze glätten auch ihre Haare"

Kulturelle Aneignung ist dann ein Problem, wenn Personen einer dominanten Kultur – also jene, die innerhalb einer Gesellschaft am sichtbarsten ist – sich an einer Kultur bedienen, die systematisch unterdrückt wird. Die Machtdynamik ist hier also entscheidend.

Wie Rassismus fliesst Cultural Appropriation nur in eine Richtung: von oben nach unten. Deshalb funktionieren Umkehrschlüsse wie "Asiaten machen auch Lidfalten-OP’s" oder "Schwarze glätten auch ihre Haare" nicht. Vielmehr handelt es sich bei diesen Szenarien um weitere Symptome von strukturellem Rassismus: Minderheiten geben ihre eigene Kultur auf, um nicht benachteiligt zu werden.

Diese Machtstruktur ist auch der Grund, weshalb Rihannas Shooting für die August-Ausgabe der chinesischen "Harper’s Bazaar" nicht weiter problematisch ist. Ein chinesisches Team mit Wissen über die Kultur Chinas war für die Konzeption der Bilder verantwortlich, die wiederum für ein chinesisches Publikum bestimmt sind. Ausserdem ist Riri selbst eine Person of Colour. Eine Aneignung durch eine dominante Kultur hat hier nicht stattgefunden.

4. "Ist doch schön, wenn Kulturen sich austauschen"

Während von einem Austausch beide Seiten profitieren, gibt es bei einer Aneignung Gewinner und Verlierer. Aus bedeutungsvollen Traditionen, wie etwa dem indischen Bindi, wird so schnell ein seichter Festival-Trend. Auch haben kulturelle Styles und Praktiken oft ein negatives Image und werden nur dann akzeptiert, wenn sie von Weissen getragen oder praktiziert werden. Nicht selten kriegen diese dann auch den ganzen Credit dafür.

Kim Kardashian nennt Fulani-Braids (nach dem westafrikanischen Fulani-Volk) etwa Bo-Derek-Braids: Die weisse US-Schauspielerin Bo Derek machte die Frisur 1979 im Film "10" populär. Die Kultur von Minderheiten verwässern und sich mit fremden Federn schmücken? Austausch geht anders.

5. "Seid dankbar, es ist ein Kompliment"

Erstens: Nicht jedes vermeintliche Kompliment ist erwünscht – siehe Catcalling. Zweitens: Etwas schön zu finden, hält einen nicht davon ab, respektlos zu sein. So kann man jemanden schön finden und diese Person dennoch belästigen. Drittens: So funktionieren Komplimente schlichtweg nicht. Oder macht ihr der Arbeitskollegin ein Kompliment fürs Outfit, indem ihr am nächsten Tag mit einer Kopie davon im Büro erscheint?

Absicht und Wirkung sind zudem zwei komplett unterschiedliche Dinge. So machen Native Americans schon seit Jahren klar, dass sie es nicht als Kompliment auffassen, wenn Leute ausserhalb ihrer Kultur ihren traditionellen Kopfschmuck tragen. Es liegt bei den betroffenen Personen, zu urteilen, ob ein gewisses "Kompliment" erwünscht ist oder nicht.

6. "Aber ich kenne eine Asiatin, die findet das voll okay"

Wo kulturelle Aneignung beginnt, ist schwammig. Was für die einen zu weit geht, ist für die anderen völlig in Ordnung, denn jeder Mensch hat eine andere Toleranzgrenze. Eine Meinung löscht jedoch nicht die andere aus.

Dass Cultural Appropriation immer wieder Wellen der Empörung auslöst, zeigt deutlich, dass es ein ernstzunehmendes Anliegen vieler Menschen ist. Umso wichtiger ist, dass ein verständnisvolles Klima herrscht, in dem ein offener Dialog stattfinden kann.

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