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Über eine Schwiegermutter, die sich wegen Corona besinnt

von Christina Duss

17 MÄRZ 2020

Life

Wenn sich die Ängste auf einmal um existenziellere Dinge als um die homosexuelle Beziehung der Tochter drehen, geschehen kleine Wunder.

Am vergangenen Freitag, eine Stunde nach Bekanntgabe der Corona-Massnahmen in der Schweiz, ist es passiert: Meine Schwiegermutter hat mich zum ersten Mal grüssen lassen. Und das ist eine grosse Sache.

Sie hatte zuvor lange mit ihrer Tochter, meiner Freundin, telefoniert. Die beiden hören sich nicht oft und wenn, dann dominieren vier Themen das Gespräch: 1. Die Beschwichtigung: Mami, neeei mach dir keine Sorgen, mir gehts gut, ich hatte viel zu tun, drum hab ich mich nicht gemeldet. 2. Der Haustier-Check: Sind neue Katzen geboren? Welche sind gestorben? 3. Humor: Gelächter über Memes, die man sich geschickt hat und die Tollpatschigkeit der Hunde. 4. Trost: Mami ist schon fast zehn Jahre wieder zurück in Bosnien, sie vermisst ihren Sohn, dessen Frau, ihren Enkel, die Tochter. Sie weint oft.

Ein riesiger fetter Elefant

Ich glaube es gibt schöne, zarte Momente in diesen Telefongesprächen, von denen ich nur vom Hörensagen weiss, sie sind auf Serbisch. Aber sie bleiben stets an der Oberfläche. Alles, was tiefer geht, ist keine Option. Ein riesiger fetter Elefant im Raum namens Sexualität sitzt schwer und lautlos auf der echten Nähe. Das Thema Liebe ist in den Telefongesprächen zwischen Mutter und Tochter tabu, etwas, das uns als Menschen so fest einnimmt, fordert, aufrecht hält, ja ausmacht.

Dass ihre Tochter auf Frauen steht, finden die Eltern meiner Freundin richtig scheisse. Vor Jahren gab es ein Outing, das in Gewalt mündete, wohl weil man dachte, dass sich so noch was hinbiegen liesse. Heute haben sich Vater, Mutter und Tochter irgendwie damit arrangiert: indem die Sache totgeschwiegen wird. Obwohl alle anderen Familienmitglieder offen mit uns als Paar umgehen, schaffen es die Eltern nicht aus ihrem Murks raus. Die Mutter reicht mir die Hand, wenn sie mich sieht, macht höflich Smalltalk. Ich merke manchmal, dass sie mit sich ringt: Sie möchte an mir vorbei schauen, aber insgeheim findet sich mich eigentlich auch ein bisschen nett.

Und dann kam Corona

Mutter und Tochter hatten sich am Telefon über die Massnahmen in der Schweiz unterhalten. Mami machte sich Sorgen. Und eben, am Schluss des Gesprächs liess sie mich grüssen. "Pozdravi Kristinu." Das ist noch nie vorgekommen und der Zeitpunkt ist bemerkenswert.

Ziemlich sicher hat dieser kleine Sinneswandel mit einer vom Corona-Virus ausgelösten Angst zu tun, die sich um das Schlimmste dreht, was passieren kann: Dass die Liebsten krank werden, dass sie womöglich sogar sterben könnten, dass man selbst sterben könnte. Das hat auch das Berliner Institut eye square in einer neuen Umfrage mit 300 Leuten untersucht. Die Dynamik, die durch Corona hervorgerufen wird, unterscheidet sich in den Ergebnissen deutlich von der Grippe: Corona wird mit Angst, Bedrohung, Schicksal und Problem assoziiert. „Das Corona Virus ist für die Menschen ein (..) Reiz, der die eigene Sterblichkeit triggert“, heisst es im Bericht. Viele der Befragten zeigten ausserdem mehr Angst um ihre Familienangehörigen, als um ihre eigene Gesundheit.

Das Silver Lining

Auch die Mutter meiner Freundin sorgt sich um ihre Kinder, sie möchte, dass sie safe – und vielleicht auch einfach nicht allein sind. Dass im sicheren Hafen jetzt halt zwei Matrosinnen von Bord gehen, ist zweitrangig.

Und so halten diese so besorgniserregenden Zeiten für uns offenbar ein Silver Lining bereit, ein kleines Glück im Unglück, eine Erkenntnis, die so unbewusst sie sein mag, diese Mutter nur während der aktuellen Krise haben konnte: Es gibt Schlimmeres, als zwei Frauen, die ihr Leben zusammen verbringen wollen.

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