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"Callgirl zu sein, gibt mir einen Kick"

von Alisa Fäh

13 SEPTEMBER 2018

Life

Fremde Männer begleiten, Sex mit ihnen haben und sich dafür bezahlen lassen. Für viele Frauen unvorstellbar – für sie eine Bereicherung, sagt Anna*.

In einem Café in der Basler Altstadt nippt Anna an einem Latte Macchiato. Sie ist kaum geschminkt, trägt Shorts und ein Trägertop. Ihren Trenchcoat hat sie an die Stuhllehne gehängt. Eine junge Frau, die früher bei einer Bank gearbeitet hat und jetzt studiert. Ihr Geheimnis: Für Geld begleitet sie fremde Männer und schläft mit ihnen. Die 24-Jährige ist seit einem Jahr Callgirl und bei einer High-Class-Agentur gelistet. Uns hat sie von ihrem Doppelleben erzählt:

"Unter einem Callgirl stellen sich viele wohl ein Katalogmodel vor. Perfekte Masse, ein makelloses Gesicht, sexy Kleider – aber ich gehe meistens ungeschminkt an Termine und ziehe mich so an, als würde ich zur Uni gehen. Mit Boyfriend-Jeans und Turnschuhen. Meine Kunden wollen kein Luder mit Silikonbrüsten. Sie suchen eine Girlfriend-Experience, ganz natürlich, so als würden sie ihre Freundin treffen.

Wer mich buchen will, wird zuerst von der Agentur geprüft – da werden die Pöbel schon aussortiert. Ein komisches Gefühl ist es aber trotzdem, zu einem Fremden nach Hause zu gehen. Ich weiss im Voraus nicht mal, wie der Mann aussieht, mit dem ich die Nacht verbringe. Mindestens eine halbe Stunde früher bin ich vor Ort und checke die Umgebung ab, damit ich einen Plan habe, wie ich im Notfall am schnellsten wegkomme. Wenn die Angst dann nicht verfliegt, sobald der Kunde mir die Tür aufmacht, gehe ich – egal, wie charmant er ist.

Ich werde auf Händen getragen

In meiner Sedcard definiere ich meine Grenzen ganz klar: Fussfetische und Rollenspiele sind okay – auf einen Kunden pinkeln würde ich hingegen nie. Ausserdem gibts Bilder – aber nur angezogen. Wenn man sich da schon nackt präsentiert, wirkt es schmuddelig, wie auf einer Pornoseite. Meine Kunden suchen ein Escortgirl mit Klasse: Sie wollen mich auch mal an Firmen-Essen mitnehmen und mich vorzeigen, da werde ich dann als Nichte vorgestellt. Ich spreche vier Sprachen, bin gebildet und weiss mich in Restaurants zu benehmen. Wahrscheinlich werde ich auch darum oft gebucht – weil ich nicht wie eine Prostituierte wirke. Es ist aber auch die Art, wie ich mich präsentiere: als Mädchen von nebenan und nicht als Sexpuppe.

Ich finde es nicht demütigend, ein Callgirl zu sein. Ich sehe mich nicht als Sexobjekt. Die Männer behandeln mich mit so viel Respekt und Würde, dass ich mich richtig wertvoll fühle. Entgegen der Klischees sind meine Kunden auch keine schmierigen, abstossenden Typen – sie sind attraktiv. Man würde nicht denken, dass diese Männer jemanden dafür bezahlen, mit ihnen zu schlafen. Und sie gehen auch nicht schlecht mit mir um – frauenverachtende "Frauen-sind-nur-Nutten-Typen", die suchen sich kein Escort im High-Class-Bereich. Meine Kunden sind 30 bis 60 Jahre alt: Viele haben Kinder.

Schuldgefühle habe ich keine

Kunden, die verheiratet sind, legen ihren Ehrering vor unserem Treffen ab – der helle Abdruck am Finger verrät sie aber. Bei manchen darf ich auch kein Parfum tragen, weil ihre Frau den Duft sonst an ihnen bemerken würde. Ich weiss, dass eine Partnerin zu Hause wartet – und dass ihr Mann sie gerade mit mir betrügt. Schuldgefühle habe ich trotzdem keine. Ich sehe mich nicht als sündige Verführerin. Wenn ein Kunde meinen Service bucht, dann ist das seine Sache. So hart es klingt, aber das ist nicht mein Problem. Als Schuhverkäuferin kannst du einem Verschuldeten ja auch nicht verbieten, jetzt Schuhe zu kaufen.

Ausserdem gibt es auch Termine, bei denen es gar nicht auf Sex hinausläuft. Manche Männer buchen mich tatsächlich nur, um mit mir essen zu gehen und zu reden. Bei mir wurde keine Horrorgeschichte über Escorts wahr. Noch nie hat mich jemand verprügelt oder in irgendeiner Form herablassend behandelt. Das ist auch der Unterschied zu privaten Dates: Männer, die für Sex bezahlen, sind deutlich verständnisvoller. Es ist mehr Respekt da. Meine Kunden sind sehr interessiert und zuvorkommend, hören mir zu. Bei meinen Terminen als Escort habe ich das Gefühl, dass ich in dem Moment das Einzige bin, was zählt.

Niemand weiss von meinem Doppelleben

Dass ich ein Callgirl bin, weiss keiner – weder meine Familie, noch meine Freunde. Dieses Doppelleben ist schon belastend. Wenn ich etwas unbedingt loswerden muss, dann tue ich so, als wäre der Termin ein normales Date gewesen. Ich sage dann einfach, ich hatte gestern ein Date, hab ihn online kennengelernt und zeige irgendein Bild von einem Typen auf Tinder. Datingapps benutze ich nur als Alibi, um meine Callgirl-Geschichten erzählen zu können.

Ich halte meinen Nebenjob geheim, weil Sexarbeit immer noch stigmatisiert wird. Meine Familie würde mich verstossen, wenn sie wüssten, womit ich mir etwas dazu verdiene. Aber ich finde, eine Frau darf und sollte auch tun, was sie will – ohne dafür verurteilt zu werden. Das Klischee, dass alle Prostituierten dumm sind oder keine berufliche Perspektive haben, ist falsch und sexistisch. Meine Arbeitskolleginnen sind intelligente Frauen mit gut bezahlten Jobs, die als Nebenverdienst mit Fremden Sex haben – nicht, weil sie dazu gezwungen werden oder es finanziell nötig hätten, sondern wegen dem Reiz. So wie ich auch.

Ursprünglich wurde ich Escort-Dame, weil ich Geld brauchte: 600 Franken für drei Stunden klangen da verlockend. Heute hätte ich den Nebenjob finanziell nicht mehr nötig. Ich mache aber trotzdem weiter, weil das Leben als Escort mir Spass macht und ich den Kick immer wieder suche. Das Geld wird jetzt für einen guten Zweck verwendet: Ich spende an gemeinnützige Organisationen oder kaufe Tierfutter und bringe es ins Tierheim.

Callgirl zu sein ist keine Schande

Früher hatte ich vor Vorträgen Schweissausbrüche und brach in Panik aus, sobald ich vor Leuten reden musste. Heute bin ich viel selbstbewusster, mein Selbstwertgefühl wurde durch die Erfahrungen als Escort richtig gepusht. Ausserdem habe ich beim Arbeiten als Callgirl gelernt, dass jeder Mensch – egal, wie arschlochmässig er auf den ersten Blick erscheinen mag – nur eines braucht: jemandem zum reden, der Nähe gibt.

Entgegen seinem Ruf sehe ich meinen Nebenjob als Bereicherung. Ich wünsche mir, dass diese Arbeit auch in der Gesellschaft anerkannt wird. Callgirls schaden niemandem, warum sollte man sie also verurteilen?”

*Name von der Redaktion geändert.

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