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Darum rasieren sich Frauen öfter die Haare ab

von Gloria Karthan

6 DEZEMBER 2019

Life

Nach Models und Schauspielerinnen tragen jetzt auch viele Normalo-Frauen einen Buzzcut. Sind die raspelkurzen Haare ein Zeichen der Emanzipation?

Radikal, mutig, burschikos: Adjektive wie diese tauchen in den Google-Ergebnissen zu "Buzzcut Frauen" ständig auf. Und sie fallen auch, wenn Models wie Ruth Bell beschrieben werden. Ihr rasierter Kopf machte sie vor zwei Jahren zum meistgebuchten Model der Saison und brachte den Buzzcut-Hype ins Rollen.

Überfliegerin Adwoa Aboah vergleicht den Moment, als sie sich von ihrem Afro trennte, mit einem Befreiungsschlag. Und Modelkollegin Dree Hemingway, die ihr Haar vor ein paar Monaten abrasierte, erzählte der US-"Vogue" kürzlich, dass sie nun ein besseres Verhältnis zu sich habe: "Ich kann mich nicht hinter meinen Haaren verstecken und kümmere mich mehr um mich selbst."

Auch Celebs wie Kristen Stewart, Halsey und Cara Delevingne haben sich bereits den Kopf rasiert. Cara kommentierte ihre neue Frisur auf Instagram folgendermassen: "Ich bin es leid, dass die Gesellschaft vorschreibt, was Schönheit bedeutet. Weg mit den Haaren, weg mit dem Make-up, weg mit dem materiellen Besitz."

Mittlerweile hats der Buzzcut vom Catwalk und dem Red Carpet zu uns geschafft. Wer durch Zürich läuft, sieht immer öfter junge Frauen mit Raspelschnitt. Erst vor ein paar Monaten habe ich meiner besten Freundin den Kopf rasiert.

Die Reaktionen? Im Heimatdorf auf dem Land ist sie mit ihren kurzen Haaren eher angeeckt und wurde mit veralteten Klischees konfrontiert. Einmal soll sogar ein Typ gefragt haben, ob sie "vom anderen Ufer sei". Hä? In Zürich waren die Reaktionen auf ihren kahlen Schädel fast ausschliesslich positiv. Nur hin und wieder gabs jemanden, der fand: "Steht dir schon. Aber kurze Haare bei Frauen sind nicht mein Ding."

"Ein Buzzcut provoziert sicher stärker in einem konservativen Umfeld mit eher starren Geschlechterrrollen als in einem aufgeschlossenem Milieu", sagt Dr. Christa Binswanger, Geschlechterforscherin an der Uni St. Gallen.

Aber woran liegts denn, dass wir lange Haare eher mit Weiblichkeit verbinden? "Die Werbung und die Filmindustrie führen uns diese Verbindung immer wieder vor Augen", sagt Binswanger.

Neu sei allerdings, dass nun auch die feministisch geforderte Befreiung von Weiblichkeit vermehrt zur Vermarktung verwendet werde. Etwa, wenn ein kahlköpfiges Model für eine Kampagne gebucht wird, die besonders edgy wirken soll. "Manchmal ist ja gerade die Abweichung einer Norm besonders interessant."

Mit einem Buzzcut würden Frauen – mehr oder weniger bewusst – provozieren, so die Genderforscherin. "Sie nehmen eine bestimmte Form von Männlichkeit in ihre Schönheitsnorm auf. Und offenbar hat das starke Effekte auf ihr Umfeld", sagt Binswanger.

Sich den Kopf zu rasieren war schon immer ein symbolischer Akt. Oft stand der Buzzcut in irgendeiner Weise dafür, dass jemand ausserhalb der Gesellschaft steht. Mönche, Skinheads, Sklaven: Sie alle trugen abrasiertes Haar.

In der Vergangenheit nutzte man Buzzcuts auch, um Frauen öffentlich zu demütigen. Im Mittelalter wurden vermeintliche Hexen bestraft, indem man ihnen die Haare abrasierte. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man Frauen, welche angeblich mit dem Feind im Bett waren, ebenfalls kahl rasiert. "Man nahm ihnen öffentlich ihre Weiblichkeit", sagt Binswanger.

Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. "Heute werden wir mit Bildern von normgerechten Körpern geflutet. Da kann ich gut verstehen, dass junge Frauen das Bedürfnis verspüren, sich abzuheben." Wenn auch nur für kurze Zeit.

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