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Erschreckend, wie viele junge Ärztinnen ein Burnout haben

von Gina Buhl

30 OKTOBER 2019

Health

Sexuelle Belästigung, Geschlechterdiskriminierung und Beleidigungen: Die Burnout-Raten bei Chirurginnen sind auffallend hoch. Das zeigt jetzt eine Studie aus den USA.

Anfang des Jahres hat die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem Krankheitskatalog die Definition von Burnout angepasst: Das Gefühl des Ausgebranntseins, die emotionale Erschöpfung und die verminderte Leistungsfähigkeit resultieren aus chronischem Stress am Arbeitsplatz, so die neue Klassifikation. Bislang wurde Burnout als "Zustand der totalen Erschöpfung" bezeichnet – die überfordernde Arbeitssituation blieb also auf der Strecke.

Nun spielt genau diese Dauerbelastung in vielen verantwortungsvollen Jobs aber eine grosse Rolle: So zeigen etwa ältere Untersuchungen, dass das Erschöpfungs-Syndrom besonders unter Ärztinnen und Ärzten, die oft in langen und emotional anstrengenden Schichten arbeiten, sehr verbreitet ist.

Junge Chirurginnen sind besonders betroffen

Eine neue Studie, die gerade im New England Journal of Medicine erschienen ist, liefert jetzt noch detailliertere (und erschreckendere) Einblicke: Ärztinnen sind von Burnout weitaus häufiger betroffen als ihre männlichen Kollegen – besonders oft trifft es Assistenzärztinnen der Chirurgie.

Für ihre Untersuchung befragten Forschende vom American College of Surgeon und National Institute of Health 7400 Ärztinnen und Ärzte zu ihren Arbeitsbedingungen. Etwa, ob sie in ihrem Job schon mal sexuelle Belästigung, Diskriminierung, verbalen oder körperlichen Missbrauch oder andere Misshandlungen erlebt haben. Die Befragten mussten auch Angaben zu Arbeitszeiten machen und mitteilen, ob sie sich dadurch ausgebrannt fühlten. Auch ob die Medizinerinnen und Mediziner schon mal Suizidgedanken hatten, wollten die Forschenden wissen.

42 Prozent der Frauen leiden unter Burnout

Besonders die Daten der Chirurginnen und Chirurgen waren auffällig – also konzentrierten sich die Forschenden in ihren Auswertungen vor allem auf diesen Fachbereich.

Was so heraussticht? Ganze 42 Prozent der Chirurginnen berichteten von Burnout-Symptomen. Bei ihren männlichen Kollegen waren es 36 Prozent. Auch Suizidgedanken tauchten bei den Chirurginnen weitaus häufiger auf als bei den Chirurgen – 23 Prozent bei den Frauen, 8 Prozent bei den Männern. Die Erklärung für diese Diskrepanz sehen die Forschenden in der Tatsache, dass die Chirurginnen mehr als doppelt so häufig von verbalen und körperlichen Misshandlungen am Arbeitsplatz betroffen sind wie ihre männlichen Kollegen.

Sexuelle Belästigung durch Patienten

Das ist aber nicht alles: 65 Prozent der weiblichen Befragten gaben an, dass sie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wurden. Nur 10 Prozent aller männlichen Befragten machten diese Angabe. Wie die Untersuchung zeigt, ist die Diskriminierung bei Assistenzärztinnen der Chirurgie besonders gross – was dazu führt, dass sie ihre Arbeitssituation als sehr belastend empfinden.

FMH - Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte

Kommunikationssprecherin Ulrike Berger

"Die Problematik 'Belastung am Arbeitsplatz' gefolgt von den Problemen 'Burnout' und 'Depression' waren 2018 die Hauptgründe der Kontaktaufnahme."

Weitere 13 Prozent der Frauen berichteten von Diskriminierung aufgrund von Schwangerschaft oder Elternstatus – bei den Männern waren es nur 3 Prozent. 20 Prozent der Frauen berichteten von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – nur 4 Prozent der Männer.

Die Studie zeigt, dass die Verursacher der Belastungen divers sind: Verbal missbraucht, also beleidigt und öffentlich bloss gestellt, fühlten sich die Chirurginnen und Chirurgen am meisten von ihren betreuenden Ärzten. Sexuelle Belästigungen erfuhren Chirurginnen (und auch Ärztinnen aus anderen Fachgebieten) laut Befragung von Patienten und ihren Familien. Bei den Männern waren vor allem Krankenschwestern die Täterinnen.

So stehts um die Ärztinnen in der Schweiz

Und wie siehts in der Schweiz aus? Auf Anfrage teilt FMH – der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte mit, dass zur Anzahl von Burnout-Fällen in der Schweizer Ärzteschaft keine Studien vorliegen würden. Allerdings verzeichne "Remed", ein Netzwerk, das Ärztinnen und Ärzte in Krisen berät, eine Zunahme von Anfragen: "Die Problematik 'Belastung am Arbeitsplatz' gefolgt von den Problemen 'Burn-Out' und 'Depression' waren 2018 die Hauptgründe der Kontaktaufnahme", so Ulrike Berger, Sprecherin des Berufsverbands.

Dies könne einerseits daran liegen, dass es mehr betroffene Ärztinnen und Ärzte gebe. Es könne aber auch damit zusammenhängen, dass die Anlaufstelle an Bekanntheit zugenommen hat, und dass Ärztinnen und Ärzte heute auch deswegen vermehrt Hilfestellung in Anspruch nehmen.

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