Sofie Pfister quer
Annette Boutellier

"Man kann sich mit dem Tod versöhnen"

von Marie Hettich

11 MAI 2020

Life

Die Basler Journalistin Mena Kost hat für ihr Buch "Ausleben" mit 15 alten Menschen über das Sterben gesprochen. Und hat jetzt viel weniger Angst vor dem Tod.

Es ist schon über 20 Jahre her, als Mena Kosts Grossmutter mit ihrer Enkelin plötzlich über den Tod reden wollte. Mena, damals noch ein Teenager, war gar nicht begeistert. "Als meine Oma eines Tages davon erzählte, wie sie sich ihre Beerdigung vorstellt, dachte ich: He, hallo – kannst du das bitte für dich behalten? Du lebst doch noch, also will ich mich auch nicht mit deinem Sterben beschäftigen."

Mittlerweile hat die Basler Journalistin nicht nur mit ihrer Grossmutter etliche Gespräche übers Älterwerden und den Tod geführt, sondern mit 15 weiteren alten Menschen – und ein Buch darüber geschrieben. "Ausleben" heisst es, ist im März erschienen, und so rührend, dass man es manchmal kurz zur Seite legen und ein paar Tränen wegblinzeln muss, bis man weiterblättern kann.

Ralph Gentner quer
Annette Boutellier

Ralph Gentner, Jahrgang 1932, ehemaliger Architekt.

Eineinhalb Jahre war Mena Kost mit der Fotografin Annette Boutellier unterwegs und hat einer ehemaligen Richterin, einer Hebamme oder einem Architekten – alle zwischen 83 und 111 – Fragen gestellt, die sich die allerwenigsten Menschen zu fragen trauen: Bist du zufrieden, wie dein Leben lief? Wie stellst du dir den Tod vor? Hast du Angst vor dem Sterben? Was kommt danach? Und was soll von dir bleiben?

Die Antworten sind verschieden, und alle sind tröstlich. Das empfand auch Mena so, die seit dem Buchprojekt viel weniger Angst vor dem Tod hat, wie sie sagt. "Die Leute, die ich getroffen habe, haben so einen friedlichen, aufgeräumten Eindruck auf mich gemacht. Sie waren bei sich und mit dem Lauf der Dinge im Reinen. Das zeigt doch, dass man sich dem Tod auch versöhnen kann", so die 40-jährige Autorin.

Monica Gubser quer
Annette Boutellier

Monica Gubser, Jahrgang 1931, Schauspielerin.

Gerade alte Menschen würden der Welt auch irgendwann entwachsen, sagt Mena. "Alles verändert sich, sogar unsere Sprache – das ist nicht mehr die Welt, die alte Leute kennen. Wenn man sehr alt ist, sind ausserdem viele Menschen, die man kannte und liebte, schon tot. Dann kann man auch irgendwann gehen, ist mein Eindruck. Nach einem langen Leben lässt man weniger zurück."

Margrith Bigler Eggenberger hoch
Annette Boutellier

Margrith Bigler-Eggenberger, Jahrgang 1933, ehemalige Bundesrichterin.

Seit dem Buchprojekt ist Menas Respekt für Seniorinnen und Senioren noch ein bisschen grösser geworden. "Das Altwerden ist eine echte Aufgabe. Man muss sich immer wieder neu in seinem Leben einrichten – mit den immer weniger werdenden Möglichkeiten." Dementsprechend könne sie es auch nicht nachvollziehen, dass der letzte Lebensabschnitt und der Tod in der Gesellschaft so gut wie gar kein Thema seien.

"Früher, vor sechzig, siebzig Jahren war der Tod noch sichtbar. Verstorbene wurden zuhause tagelang aufgebahrt und alle aus der Nachbarschaft kamen die Trauerfamilie besuchen. Das Sterben war Teil des Lebens – es war völlig selbstverständlich, dass es dazugehört. Heute passiert es im Verborgenen, oftmals in Spitälern. Der Tod wird ausgeklammert", so Mena.

Mehr Nähe, weniger Angst

Die Autorin ist sich sicher: Würden wir mehr über den Tod sprechen, hätten wir weniger Angst – und würden näher zusammenrücken. "Die meisten von uns werden alt, wir müssen alle irgendwann sterben – warum also reden wir nicht mehr darüber? Gerade in Zeiten wie jetzt, in denen unsere Sterblichkeit wieder stärker ins Bewusstsein rückt, wäre das umso wichtiger."

Wer sich also traut: das Buch kaufen, in Ruhe lesen, den Grosseltern, den Eltern oder der Nachbarin weiterschenken – und dann ins Gespräch kommen.

Cover 3 D Ausleben cmyk
zvg

"Ausleben – Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später" von Mena Kost und Annette Boutellier, Christoph Merian Verlag; Fr. 29.-

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