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Auch Weiblichkeit kann toxisch sein

von Marie Hettich

5 FEBRUAR 2019

Life

Endlich ist die Debatte über toxische Männlichkeit im Mainstream angekommen. Aber auch typisch weibliche Attribute können schädlich sein – wie diese Beispiele zeigen.

Die letzten Monate waren grossartig. Gebannt habe ich verfolgt, wie die Debatte über toxische Männlichkeit mehr und mehr im Mainstream ankam. Als Mitte Januar der neue Werbespot von Gillette durchs Internet jagte, wusste ich: Jetzt ist es wirklich soweit. Endlich reden Männer über Männer! Endlich können sich Feministinnen ein bisschen zurücklehnen und reinvertrauen, dass wir nicht die einzigen sind, die mit festgefahrenen Gender-Rollen Schwierigkeiten haben.

Den Gillette-Spot habe ich wahrscheinlich zehn Mal geschaut, so begeistert war ich (und mir ist es scheissegal, ob Gillette mit dieser Message glaubwürdig ist, weil: die Message ist gut, verdammt wichtig und überfällig). Auch als die SRF-Sendung "Oh Mann! Männlichkeit in der Krise!" im TV lief, sass ich gut gelaunt und dankbar auf dem Sofa, weil es so schlaue und kritische Männer wie Markus Theunert und Patrick Frey gibt.

Mehr will ich zum Thema "Toxische Männlichkeit" gerade auch gar nicht sagen. Ich finde es wichtig, dass wir den Männern erst einmal die Bühne überlassen – in der Hoffnung, dass die Vorstellung noch nicht zu Ende ist.

Ausserdem gibt es genug, worüber wir Frauen in der Zwischenzeit nachdenken können: Zum Beispiel über die Formen von Weiblichkeit, die toxisch, also ungesund, werden können – in erster Linie für uns selbst. Ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht. Was meint ihr? Ich freue mich auf eure Kommentare!

  • Frauen sagen nicht, was sie denken
    Es heisst ja immer, Männer können nicht über Gefühle reden. Mein Eindruck ist, dass viele Frauen das auch nicht können – aus lauter Panik, die Harmonie könnte ins Wanken geraten. Wir schlucken viel zu viel runter, was eigentlich raus müsste: Die Wut, wenn wir auf widerliche Weise angegraben werden, zum Beispiel. Oder wenn eine Freundin uns konstant ins Wort fällt.
  • Frauen opfern sich für andere auf
    Waren eure Grosis und Mütter selbstbestimmte Frauen, die sich gut um sich selbst gekümmert haben? Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren sie das nicht. Und wir haben uns das mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihnen abgeschaut. Deshalb fahren wir auch für die Baby Shower einer Bekannten durchs ganze Land, obwohl wir am Kränkeln sind (und Baby-Shower-Partys zum Kotzen finden). Oder wir helfen nach der Geburtstagsparty unserer Cousine noch stundenlang beim Putzen, obwohl wir am nächsten Morgen saufrüh aufstehen müssen. Oder wir pflegen unsere kranke Schwiegermutter, obwohl wir sie nicht ausstehen können (ja, ich kenne so einen Fall). Zu gross ist die Angst, dass uns jemand für egoistisch halten könnte.
  • Frauen sind furchtbare Perfektionistinnen
    Wenn Besuch ansteht, ist ganz klar, dass die Wohnung blitzeblank und das Znacht ein Highlight sein muss. Wir wollen gut gelaunte Gastgeberinnen sein, die den Eindruck vermitteln, als sähe unsere Bude immer so aus und als hätten wir das Abendessen lockerflockig aus dem Ärmel geschüttelt. Auch auf der Arbeit sind wir streng: Uns plagt das schlechte Gewissen, wenn wir mal ein paar Tage lang faul sind oder unvorbereitet in ein Meeting kommen.
  • Frauen hassen ihre Körper
    Ich habe schon mehrfach erlebt, dass sich Freundinnen bei mir für ihr Aussehen entschuldigt haben – selbst Mütter, die ein Neugeborenes zuhause haben, kommentieren beim Hallo-sagen ihre ungewaschenen Haare. So sehr haben wir verinnerlicht, dass Frausein bedeutet, stets sauber und attraktiv durch die Welt zu spazieren – die milliardenschwere Beauty-Industrie ist der beste Beweis. Was all die Gewalt-Statistiken über toxische Männlichkeit aussagen, sagen Diäten, Essstörungen und Schönheitsoperationen über toxische Weiblichkeit aus.
  • Frauen machen sich klein
    Wie gern ich mal bei ein paar Lohnverhandlungen Mäuschen spielen würde! Wetten, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau enorm sind? Und das verwundert auch nicht – so klein, wie wir Frauen uns nur schon im Alltag mit Wörtchen wie "eigentlich", "vielleicht" und "glaube ich" machen. Auch hier spielt wieder die Angst eine Rolle: Man könnte uns ja für zu selbstbewusst und damit unsympathisch halten – Hilfe!
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