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Sie thematisiert an der Art Basel ihre Zeit als Sexarbeiterin

von Melanie Biedermann

12 JUNI 2019

Life

Am Donnerstag startet die Art Basel. An den Swiss Art Awards mit dabei: die Westschweizer Künstlerin Sabrina Röthlisberger. Uns hat sie von ihrem turbulenten Leben erzählt.

"Ich bin kein klassischer Kunst-Typ. Nicht für Schweizer Verhältnisse. Meine Familie ist weder intellektuell noch reich. Meine Grosseltern wanderten in den 60ern von Algerien nach Frankreich aus. Meine Mutter heiratete einen französisch-schweizerischen Doppelbürger und zog in die Nähe von Genf. Heute ist sie zweifach geschieden, alleinerziehend mit drei Kindern. Geld war bei uns immer knapp. Mit so einer Geschichte fällt man in der Schweiz durchs Raster.

Zudem bin ich körperlich entstellt; in meiner Unterlippe wächst ein Angiom, eine tumorartige Gefässneubildung. Bis vor kurzem konnte mir kein Arzt sagen, warum. Als Kind war ich hyperaktiv. Ich liebte es, zu zeichnen, den Lehrern zuzuhören war aber unmöglich für mich. Als ich acht war, platzierte mich das Sozialamt in ein christliches Pflegeheim in einem kleinen Bergort nahe Martigny VS. Meine ersten Arbeiten an der Kunsthochschule waren oft Gemälde von Berglandschaften.

Der Geburtstag im Jugendgefängnis

Dass die HEAD, die Genfer Hochschule für Kunst und Design, mich aufnahm, war einfach nur riesiges Glück. Zwischen der Zeit im Heim und dem Studium riss ich immer wieder von zu Hause aus. Meinen 18. Geburtstag verbrachte ich in einer Zelle im Jugendgefängnis, eine nennenswerte Ausbildung hatte ich nicht. Ich nahm Drogen und arbeitete als Dominatrix. Ich wollte Künstlerin werden, aber niemand in meinem Umfeld verstand, warum.

An der Hochschule war ich endlich von Leuten umgeben, die mich ernst nahmen. Dort begann meine Heilung. Damit meine ich: Ich begann, das Erlebte und auch mein Verhältnis zum Frausein aufzuarbeiten. An der HEAD traf ich Gaia Vincensini. Wir wurden zu einer Art Partners in Crime, eröffneten eine Galerie auf dem Hochschulgelände und gründeten später mit Loren Kagny und Giulia Essyad das Kollektiv LGG$B. Das war die Zeit, in der ich den Machtmissbrauch zu verstehen begann und wie einfach er geschieht, gerade auch in der Kunstwelt. Die Partys, Drogen, Sex, einflussreiche Männer, die sich wie selbstverständlich bedienen; im Kollektiv konfrontierten wir diese Realität.

Lächeln an Cocktailpartys

So gehe ich heute an Kunst heran: nicht über ein spezifisches Medium, sondern über meine Erfahrungen. Ich glaube, Kunst kann Wissen vermitteln. Im Idealfall bewirkt sie etwas in der Gesellschaft. In meiner Arbeit für die Swiss Art Awards thematisiere ich zum ersten Mal meine Erfahrungen mit Sexarbeit. Die Video-Arbeit "ADN" wiederum zeigt einen 3-D-Scan meiner Unterlippe, es ist eine Auseinandersetzung mit meiner fragilen Gesundheit. Im letzten Jahr habe ich ein Stipendium für einen Atelieraufenthalt in New York bekommen. Da konnte ich üben, auf Cocktailpartys zu lächeln. Ich konnte mein Englisch verbessern und viele Kontakte knüpfen. Der Punk in mir sträubt sich zwar noch ab und zu, aber diese Dinge gehören dazu, wenn ich von der Kunst leben will. Und das will ich unbedingt."

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Sabrina Roethlisberger

Sabrina Röthlisberger, 30, nimmt zum ersten Mal an den Swiss Art Awards teil. Die Ausstellung des Schweizer Kunstwettbewerbs findet jeweils parallel zur Art Basel statt.

Sabrinas To-Do-List für die Art Basel (13.-16. Juni)

1. Durch Kunst spazieren: Der Parcours-Sektor der Art verteilt sich um den Münsterplatz – draussen und gratis!

2. Die ersten Tage nutzen: Da sind die Leute noch entspannt und nicht von der stressigen Woche gebeutelt. Ich starte meist mit der Entdeckermesse Liste, weil ich dort die meisten meiner Freunde und viele Künstlerkollegen treffe. Die Opening-Party ist legendär.

3. Immer, wenn die Sonne scheint: einen Rhein-Schwumm einplanen.

4. Morgens bei einem der vielen Bäcker und Confiseure feine Schoggi, Gipfeli und Cappuccino posten. Ich gehe meist zu Sutter Begg und frühstücke auf der schönen Terrasse.

5. Die Swiss Art Awards besuchen, natürlich! Dort kann man entdecken, wer in der Schweiz momentan zu reden gibt. Und ich bin wahnsinnig stolz, dieses Jahr Teil dieser Gruppe zu sein.

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