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"Woher kommst du?" ist keine blosse Interessensfrage

von Anja Glover

4 JUNI 2020

Life

Rassismus gibts auch in der Schweiz. Manchmal steckt er schon in der einfachen Frage nach der Herkunft. Friday-Autorin Anja Glover hat einen Brief an alle Menschen geschrieben, die ihr sie schon einmal gestellt haben.

Lieber Mitmensch

Ich weiss, du meinst es nicht böse. Aber ich habe die Frage nach meiner Herkunft satt. Denn ich beantworte sie beinah jeden Tag, mein Leben lang. Sei es beim Einkaufen, im Yogastudio, in der Schule, im Zug: "Woher kommst du?" Natürlich ist mir klar, dass du nicht wissen möchtest, ob ich aus Willisau oder Schwamendingen bin. Dich interessiert, woher mein Vater stammt. Antworte ich mit seinem Herkunftsland Ghana, folgt manchmal ein "Gehst du oft zurück?". Spätestens dann möchte ich unser Gespräch eigentlich beenden.

Warum diese simple Frage so problematisch ist? Weil sie impliziert, dass ich hier nicht zu Hause bin. Dass ich doch sicher irgendwo anders herkommen muss. Sie bedeutet, dass ich nicht Teil des Normkontextes bin. Indem du mir diese Frage stellst, sagst du mir – wenn auch unbewusst –, dass ich nicht wirklich von hier bin. Wo auch immer dieses hier ist, denn mir wird diese Frage überall gestellt. Aufgrund meines Aussehens erwartest du, dass als Antwort auf deine Frage eine Migrationsgeschichte folgt. Und das, obwohl ich in der Schweiz geboren bin.

Du wirst mir jetzt vielleicht entgegnen, dass hinter deiner Frage einfach Interesse steckt. Es ist schön, dass du interessiert bist. Aber interessiere dich doch für den Menschen, der dir gegenübersteht, statt für die Herkunft dessen Eltern. Interessiere dich für dein eigenes Weltbild. Interessiere dich dafür, warum dir diese Frage so wichtig ist. Interessiere dich dafür, warum du sie bereits nach wenigen Minuten im Gespräch stellst.

Es ist normal, dass du dich verteidigen willst, wenn ich dir sage, dass deine Frage nach meiner Herkunft einen rassistischen Ursprung hat. Dieses Phänomen kommt so oft vor, dass es sogar einen Namen hat: "White Fragility" beschreibt den Umstand, wenn eine weisse Person relativiert, defensiv, oder übermässig emotional wird, sobald ihr rassistisches Verhalten vorgeworfen wird. Statt das Verhalten zu reflektieren, wird damit das Gegenüber bestraft, das den Rassismus benennt. In diesem Fall also ich.

Du hast es ja nicht so gemeint, darum ists halb so schlimm, oder? Leider liegt es nicht an dir, das zu beurteilen. Auch nicht-beabsichtigter Rassismus hat seine Wirkung. Wenn du jemanden aus Versehen schlägst, tut das trotzdem weh. Du würdest dann nicht sagen: "Hör auf zu jammern, ich habs ja nicht absichtlich gemacht." Du würdest dich entschuldigen und das nächste Mal besser aufpassen.

Rassismus ist viel mehr als ein individueller Fehltritt. Er ist mehr als etwas, das Menschen bewusst machen, um andere Menschen zu diskriminieren. Wir alle wurden rassistisch sozialisiert und handeln in Mustern, die Rassismus in unserem Alltag ständig reproduzieren. Überzeugte Nicht-Rassisten verwenden oft viel mehr Energie darauf, diese Position zu verteidigen, statt genau hinzuhören und ihr Verhalten zu hinterfragen.

Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, ist anstrengend. Vielleicht bist du dir unsicher und denkst, dass du jetzt gar nicht mehr weisst, was du sagen oder nicht sagen darfst. Keine Sorge, das kann man lernen. Indem man Bücher zum Thema liest oder aktiv zuhört, wenn Betroffene berichten. Die Erkenntnis, dass er uns alle betrifft, ist der erste wichtige Schritt auf unserem gemeinsamen Weg in eine Gesellschaft mit weniger Rassismus.

Doch deine Frage nach meiner Herkunft hat gezeigt, dass du im Moment vermutlich noch öfter rassistisch handelst als es dir lieb wäre. Und das, wiederum, meine ich jetzt nicht böse.

Anja

Anja Glover
Nuel Schoch

Anja Glover ist 27 Jahre alt und in Zürich geboren. Sie hat Soziologie und Kulturwissenschaften studiert, arbeitet als Journalistin und ist Gründerin der nachhaltigen Kommunikationsagentur Nunyola.

Übrigens: Bis zum 13. Juni übernimmt Anja den Podcast "Kafi am Freitag" von Kafi Freitag und Sara Satir und spricht dort über das Thema Rassismus.

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