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Freaky Friday/Courtesy Walt Disney Studios Schweiz

Älterwerden finde ich richtig scheisse

von Irène Schäppi

6 FEBRUAR 2019

Life

Der Chat zwischen einer Freundin und mir, beide 40, neulich ging so: “Die Falten auf meiner Stirn bilden plötzlich eine wellenförmige Linie”, schrieb ich ihr. Sie dann: “Sieht ähnlich bei mir aus. Ich habe Angst vor dem Altwerden.” Meine Antwort: “Und wie! Ich finde Altwerden einfach nur scheisse.”

Natürlich, als Beauty-Chefin bin ich bestens darüber informiert, dass unsere Haut mit zunehmendem Alter schlaffer wird, an Festigkeit verliert und dass Altern ein ganz natürlicher, leider unaufhaltsamer Prozess ist. Nerven tuts trotzdem. Wie gerne würde ich damit so umgehen können wie andere Frauen. “Annie Hall”-Ikone Diane Keaton (73) zum Beispiel, die voll zu ihren Falten steht. Geht bei mir aber nicht.

Déformation professionnelle

Was wohl mit meinem Beruf zu tun hat. Déformation professionnelle heisst das. Besonders akut geworden ist das “Altwerden haten” seit ich für Beauty-Tutorials ohne Filter gefilmt werde. Ich liebe diesen Teil meines Jobs. Die Videos nach erfolgter Produktion anzusehen, braucht dann aber doch Überwindung. Man sieht jedes geplatzte Äderchen. Von dem sich in meinen Augenfalten sammelnden Concealer möchte ich gar nicht erst anfangen. Letzteres stresst übrigens sogar die fabelhafte Diane Keaton, wie sie mal in einem Interview mit “People” verraten hat.

Falten über Nacht

Es geht aber noch schlimmer: An manchen Morgen blicke ich in den Spiegel und stelle mit einem inneren Kreischen fest, dass ich Vertiefungen in meinem Gesicht vorfinde, die am Abend zuvor nicht da waren. Den Mythos, dass Falten quasi über Nacht entstehen, kann ich bestätigen. Klar, eine Veranlagung dazu muss schon bestanden haben. Der Schock, neue Falten – in meinem Fall zum Beispiel so genannte Merkelfalten unterhalb der Mundwinkel – zu entdecken, ist trotzdem heftig. Insbesondere weil sie mir bewusst machen, dass die Zeit mir irgendwie zwischen den Fingern verrinnt. Ähnlich wie am Ende von Oscar Wildes Roman "Dorian Gray" könnte ich bei diesem Gedanken in schiere Verzweiflung ausbrechen.

Letzten Frühling habe ich darum zum ersten Mal einen Termin bei einer Schönheits-Chirurgin für Filler-Treatments, also Injektionen mit Hyaluronsäure, vereinbart. Als mir die Ärztin dann auch noch Botox für die Zornesfalte vorschlug, sagte ich nicht nein. Gross darüber gesprochen habe ich danach aber nicht. Aus Feigheit? Aus Scham? Vielleicht.

Irène Schäppi, Beauty Director

In Zeiten von #bodypositivity kommt Botox nicht gut an.

Das hatte wohl auch damit zu tun, dass es in Zeiten von #bodypositivity nicht gut ankommt, öffentlich zu Botox & Co. zu stehen. Sich einer Schönheits-Operation zu unterziehen und sich gleichzeitig Feministin zu nennen, wird belächelt. Einige meiner Freundinnen, die auch auf Filler und Botox setzen, sprechen nur im Geheimen davon. Und meist mit der Bitte: “Erzähls ja nicht weiter.” Was ein weiterer Grund ist, warum ich Älterwerden doof finde.

Wie war das nochmal mit Female Empowerment? Warum müssen wir gleich alles schubladisieren? Würde es uns allen nicht viel mehr beim Altwerden helfen, wenn wir Frauen einfach per se akzeptieren, egal welche Entscheidungen sie für ihr Aussehen getroffen haben? Schliesslich gibt es auch starke weibliche Vorbilder, die sich für Frauenrechte einsetzen und trotzdem den einen oder anderen Gang zum Schönheits-Doc hinter sich haben. Jane Fonda (81) etwa. Sie sagte mal in einem Interview dazu: "Ich hatte es satt, müde auszusehen, wenn ich gar nicht müde war." Dem kann ich nur zustimmen.

Ich möchte so aussehen, wie ich mich fühle

Dass man es mit Botox und Fillern übertreiben kann, ist mir klar. Trotzdem bin ich der Meinung, dass jede Frau das für ihr Aussehen tun soll, was und wie es ihr gut tut. Und dass sie dafür nicht gleich bewertet werden sollte. Schönheit ist schliesslich ein ganz persönliches Thema. Jede hat ihren eigenen Umgang damit.

Ich selbst stehe mittlerweile offen zu meinen kleinen Eingriffen. Bin ich deswegen eine schlechtere Bodypositivity-Verfechterin? Nein. Oder etwa ein unsicheres Huscheli? Absolut nicht. Und den Vorwurf, dass ich mit diesen Treatments Männer besser gefallen möchte, lasse ich definitiv nicht gelten. Ich möchte allerdings äusserlich etwa so aussehen können, wie ich mich innerlich fühle. Und das hat mit 40 nichts zu tun.

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