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Mein Brief an alle Nichtwählerinnen

von Gloria Karthan

26 SEPTEMBER 2019

Life

Redaktorin Gloria hat gestern ihre Wahlunterlagen bekommen und kanns kaum erwarten, ihre Stimme abzugeben. Sie hat einen Brief an alle geschrieben, die freiwillig aufs Wählen verzichten.

Liebe Nichtwählerin, lieber Nichtwähler

Kannst du dich erinnern, worauf du dich an deinem 18. Geburtstag am meisten gefreut hast? War es Autofahren? Schnaps kaufen? Oder eine Kreditkarte beantragen? Als ich damals volljährig wurde, freute ich mich auf was komplett anderes als meine Friends: Meine Einbürgerung.

Im Politikunterricht gings damals um die umstrittene Minarettinitiative. Ein paar meiner volljährigen Mitschülerinnen kicherten: "Hihi. Ups, die Abstimmungsunterlagen hab ich glaubs ins Altpapier geschmissen". Ich war völlig baff. Denn trotz relativ unpolitischer Erziehung wollte ich damals als junge Ausländerin nichts anderes, als endlich meine Stimme zu nutzen.

Auf eigene Faust, ohne meinen deutschen Papi und mein italienisches Mami, liess ich mich also im provinziellen Apfeldorf am Bodensee, in dem ich aufwuchs, einbürgern. Einen Test gabs zum Glück nicht, aber der Ablauf war für mich als Teenie trotzdem super tough: Nebst unfassbar viel Papierkram und einer Gebühr von 900 Franken musste ich mehrere Termine wahrnehmen und den Behörden beweisen, wie integriert ich bin.

Meine Mutter ist in der Schweiz geboren und ich habe einen breiten Thurgauer-Dialekt. Dennoch musste ich vor dem Gemeinderat rechtfertigen, warum ich weder im Turn- noch Schützenverein aktiv bin und nicht im lokalen Frauenchor singe. Dazu musste ich Attribute aufzählen, die ich an meinem Heimatdorf besonders mag.

Bei einem weiteren Termin musste ich mich den Bürgerinnen und Bürgern vorstellen. Ich stand rund eine Viertelstunde vor dem verschlossenen Saal der Gemeindeversammlung, während fremde Leute hitzig über das Traktandum meiner Einbürgerung debattierten: Wollen wir die? Sie wollten mich. Und noch glücklicher als der rote Pass mit dem weissen Kreuzchen machte mich das erste Stimmcouvert, dass ich nach diesem Prozedere einwerfen durfte.

Im Gegensatz zu mir ist dir das Schweizer Stimmrecht vielleicht in die Wiege gelegt worden. Dennoch willst du diese Chance jetzt einfach so verstreichen lassen. Was ist deine Ausrede dafür? Bequemlichkeit? Oder einfach nur Desinteresse?

In der nächsten Legislatur gehts um ganz grosse Themen: Das neu zusammengesetzte Parlament entscheidet, ob wir die Klimakrise noch abwenden können. Ob in diesem Land bald mehr Gleichberechtigung herrscht, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung. Und ob wir später, wenn wir alt sind, mal über eine gesicherte Rente verfügen.

Wer nicht wählt oder abstimmt, trägt dazu bei, dass alles so bleibt, wie es ist. Mit deiner Stimmenthaltung gehörst du momentan zur stärksten politischen Kraft. Nur 0.4 Prozent aller Stimmberechtigten sorgten 2014 für die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Schock und Gejammer waren gross – auch unter Nichtwählern. Wirfst du dein Couvert ein, darfst du danach immerhin mitjammern.

Das Couvert liegt noch bei deinen Eltern? Besuch sie doch einfach oder lass es dir frühzeitig zuschicken. Und wenn du deinen Eltern keine Briefmarke wert bist, ist es wohl Zeit, den Wohnsitz zu wechseln.

Streichen, kumulieren, panaschieren: Du findest Wählen mega kompliziert? Mit Erklärvideos und einer Anleitung in den Unterlagen setzt der Bund grad alles daran, dir die Wahl zu erleichtern. Online-Wahlhilfen wie Smartvote und Vimentis spucken dir fixfertige Vorschläge aus. Und ganz Faule wählen einfach eine fixfertige Parteiliste – das dauert nicht mal zwei Minuten.

Tu der Schweiz und allen die nicht wählen können, aber gerne würden, einen Gefallen: Nutze deine Stimme. Leg deinen Wahlzettel da hin, wo er hingehört. Nicht ins Altpapier, sondern in die Urne.

Herzlich, Gloria (die immer noch keinem Schützenverein angehört)

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