Ändert euer Leben, statt zu jammern!

Autorin Yvonne Eisenring ist genervt von Leuten, die sich ständig beklagen – und dann doch nichts an ihrer Situation ändern. Liegts an mangelndem Mut? Oder meckern Menschen einfach gern?

Ändert euer Leben, statt zu jammern!
Bild: Lukasz Wierzbowski
21 Aug '17
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Wir haben uns lange nicht gesehen, lange nicht gesprochen. Gemeinsam sind wir nach der Kanti ins Leben gestartet. Voller Pläne und Ideen. Jetzt sitzen wir in einer Bar in Züri, reden über früher, erzählen von heute. Ob ihnen ihr Job gefalle, frage ich, ob sie glücklich seien. Haben sich eure Wünsche erfüllt, geht es euch gut? "Muess halt, gäll", sagen die meisten.

Ich merke, wie ich wütend werde. Ich verstehe nicht, warum Leute, die eine der besten Schulbildungen der Welt bekommen haben, monatlich ein sicheres, nicht selten sogar richtig hohes Gehalt kassieren und alles tun und werden könnten, das ihnen behagt, so wenig dafür machen, glücklich zu sein. Ich verstehe nicht, warum Leute, denen alle Türen offen stehen, durch keine hindurchgehen. Warum sie ihre Vielbeschäftigung beklagen, aber gleichzeitig tatenlos bleiben. Warum sie so tun, als wäre ihre Situation ausweglos, ohne nach dem Ausweg zu suchen.

Warum geben sie sich damit zufrieden, unzufrieden zu sein?

Mich nervt diese künstliche Lethargie! Dieses elitäre Selbstmitleid! Dieses "es muess halt, gäll"! Die meisten in meinem Alter haben noch keine Kinder. Sie "müssen" nicht so viel verdienen, wie sie immer sagen. Sie müssen nicht in dem Job bleiben, der so viel Zeit und Kraft kostet und eigentlich gar nicht gefällt. Sie müssen nur für sich und sonst niemanden sorgen. Sie sind jung, frei und kerngesund. Warum also geben sie sich damit zufrieden, unzufrieden zu sein? Weil sie sich an dieses behaglich-bequeme Leben gewöhnt haben? An einen Komfort, den sie nicht aufs Spiel setzen wollen? Oder wissen sie nicht, was für Möglichkeiten sie haben? Wollen sie es gar nicht wissen?

Ich bin sicher, einige würden etwas ändern wollen, aber sie tun es nicht, weil sie sich nicht trauen. Scheitern ist in der Schweiz verpönt. Man schleicht lieber unbemerkt durchs Leben, als einmal öffentlich zu versagen. In anderen Ländern wird gefeiert, wer oft hingefallen und wieder aufgestanden ist. Etwas zu versuchen, ohne zu wissen, dass es klappt – das macht man bei uns nicht. Kein Wunder, schmieden einige jahrelang einen Plan, setzen ihn aber nie um, weil sie hundertmal überlegen, ob es auch tatsächlich ein guter Plan ist. Keine Zeit, ihn umzusetzen, erklären sie stolz und wehleidig zugleich und ernten dafür verständnisvolles Nicken.

Sich beklagen gehört zum guten Ton

Was mich am meisten stört: Ich glaube, einige Leute jammern gern. Sie sind zufrieden in diesem latenten Unzufriedensein. Sich über das Leben zu beklagen gehört für sie zum guten Ton. Ganz nach dem Motto: Der Kluge leidet, der Dumme versteht nicht, dass er leidet. Sie glauben, es sei wichtig und richtig, zu jammern. Sie hören sich gern sagen, wie streng der Alltag, wie gross der Verzicht, wie hart doch alles sei. Sie wollen das gar nicht ändern.

Bevor diese Einstellung angefangen hat, mich wütend zu machen, hat sie mich verunsichert. Immer wieder fragte ich mich: Ist es okay, wenn ich nicht leiden will? Habe ich etwas nicht begriffen? Bin ich zu wenig anspruchsvoll? Sagt man, man sei zufrieden und die vielen Möglichkeiten seien keine Qual, sondern ein Segen, wird man mitleidig angeschaut. Als hätte man den Sinn des Lebens nicht begriffen.

Ich mache einen Schritt – manchmal in die komplett falsche Richtung

Zugegeben, ich weiss nicht, was der Sinn, was das grosse Ziel des Lebens ist. Aber ich finde, ich bin es mir schuldig, mich Tag für Tag so glücklich wie möglich zu machen. Und nein, ich habe weder Rezept noch Konzept. Es gelingt mir bei weitem nicht immer. Ich mache Fehler, renne gegen die Wand und muss manche Sackgasse bis ganz ans Ende gehen. Gewisse Situationen lassen sich nicht ändern, und ich habe den grössten Kampf und Krampf, das zu akzeptieren. Vieles klappt nicht beim ersten Mal, und dass Geld nicht auf den Bäumen wächst, habe ich mittlerweile auch begriffen.

Wie alle habe ich immer wieder mal Pech und etwas ist unfair. Dann klage und leide ich und liege stundenlang weinend auf dem Bett. Doch irgendwann stehe ich auf. Und mache einen Schritt – manchmal in die komplett falsche Richtung. Aber ich mache einen Schritt, wenn ich merke, dass ich unglücklich bin. Nicht weil ich muss, sondern weil ich kann. Und ich bin so verdammt glücklich, dass ich kann.

Yvonne Eisenring ist gerade am glücklichsten ohne festen Job und ohne festen Wohnsitz. Derzeit hütet sie eine Katze (und die Wohnung der Besitzerin) in New York. Bald zieht sie nach Berlin und wohnt danach in einem Schreibatelier in Paris, wo sie an ihrem zweiten Buch schreibt.

Stört euch das allgemeine Jammern auch?

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