Liebe Eltern, wie geht ihr mit genervten Blicken um?

Ihr seid im ÖV, euer Kind quengelt lautstark – und die anderen Fahrgäste glotzen: Eltern, wie geht es euch damit?

Von: Kerstin Netsch

Liebe Eltern, wie geht ihr mit genervten Blicken um?
Bild: plainpicture
30 Jan '18
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30 Jan '18
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Eine Mutter steigt mit ihrem Sohn ins Tram, am Abend, alle sind müde, wollen nach Hause und ihre Ruhe. Der etwa vierjährige Bub quietscht laut. Immer wieder. Er scheint es gewohnt zu sein, Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn er das tut. Ich fühle mich gestresst, flüstere meinem Freund ins Ohr, wie es sein kann, dass diese Mutter ihren Buben nicht im Griff hat. Er führt sich auf wie ein kleiner Pascha.

Bis sich mein Blick mit dem der Mutter trifft, die mich entschuldigend und verzweifelt anschaut. Dann schimpft sie extra laut mit ihm, vielleicht um zu zeigen, dass sie das Verhalten ihres Kindes auch nicht toleriert. Er schreit noch lauter. Plötzlich habe ich ein fürchterlich schlechtes Gewissen und frage mich, was jetzt gerade in ihr vorgeht. Am liebsten würde ich sie ansprechen, mich entschuldigen, sie steigt jedoch an der nächsten Haltestelle aus.

Ihr bricht der Schweiss aus

Ich bin keine Mutter, weiss nicht, wie es ist, wenn ein Kind fortlaufend quengelt, oder wie man es beruhigt, wenn es genau dann Radau macht, wenn es am unangenehmsten ist. Aber wenn ich mit dem Bus zur Arbeit fahre und sehe, wie Eltern mit ihren Kindern einen Kampf austragen, vor den gaffenden Blicken der anderen Passagiere, fühle ich zwischenzeitlich mit ihnen.

Wie diese Woche wieder, ein Donnerstagmorgen, 8.30 Uhr, die Hochfrequenzzeit für Eltern, die ihre Kinder zur Krippe bringen. Eine junge Mutter kämpft mit ihrem Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt, ich stehe daneben. Es will nicht in seinem Wagen sitzen bleiben, es weint und tritt. Sie kniet sich zu ihm herunter, erklärt ihm im ruhigsten Ton, den sie hinbekommt, dass es im Bus nicht aufstehen kann, weil das gefährlich ist. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ihr der Schweiss ausbricht, ihre Wangen erröten, denn das Mädchen wird immer lauter und die Zuschauer immer aufmerksamer.

Alle gaffen

Die meisten Fahrgäste im Busabteil haben ihre Augen auf sie gerichtet. Sie muss das Kind beruhigen, den Wagen festhalten, den Rucksack, den sie dabei hat und ist dabei ausgestellt wie auf einer Bühne. Manche Passagiere zeigen sich amüsiert, andere genervt, auf alle Fälle gaffen sie. Als wäre es nicht schon schwierig genug, ein Kind zu beruhigen, muss die Frau auch noch diese Blicke ertragen. Ich schaue diesmal bewusst zur Seite, während ich neben ihr stehe.

Zum Schluss verliert sie den Kampf mit ihrer Tochter, sie lässt das Kind aus dem Wagen steigen, nimmt es an die Hand. Ihre Erleichterung ist deutlich spürbar, als sie an der nächsten Haltestelle mit dem Kind aussteigen kann. Zum Glück hat sie nicht auch noch Erziehungsratschläge bekommen ...

Wie geht es euch Eltern damit?

Nach diesen Beobachtungen habe ich mir vorgenommen, herauszufinden, wie es Eltern in diesen Situationen geht: Liebe Eltern, wie viel macht es euch aus, wenn im ÖV alle Blicke auf euch gerichtet sind? Habt ihr auch schon ungefragt Erziehungsratschläge erhalten? Falls ja: Wie seid ihr damit umgegangen? Schafft ihr es, ruhig zu bleiben – wenn ja, wie?

Ich habe auf alle Fälle grössten Respekt vor diesen alltäglichen elterlichen Strapazen und bin sehr gespannt auf eure Kommentare.

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