"Kalorienzählen war mein einziges Hobby"

Mal glaubt sie, geheilt zu sein, dann wird sie doch wieder von Heulkrämpfen geschüttelt: Die Story einer Friday-Mitarbeiterin, die jahrelang mit Essstörungen zu kämpfen hatte.

Bild: Sarah Parsons Hungern, Sport, Fressanfälle und wieder hungern: ein Teufelskreis.
04 Dez '17
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Als 7-Jährige
Ich habe dunkles, dickes Haar, das nicht zu bändigen ist, bin mollig, weil ich kürzlich wegen meines Asthmas mit Kortison behandelt wurde, und ich habe eine Zahn­lücke, für die ich mich schäme. Schön fühle ich mich nicht. Die anderen Mädchen sind dünn und blond. Will ich auch sein.

Mit 13
In der Schule werde ich von den Mitschülern gehänselt, weil ich mehr auf den Rippen habe. Obwohl meine Mutter darauf achtet, dass wir nichts Ungesundes zuhause haben, bleibe ich mollig. Meine Brüder sind dünn. Mami sagt, dass ich die Pfunde nach der Pubertät automatisch verlieren werde.

Mit 15
Unterdessen mache ich ständig Crash-Diäten – nehme fünf Kilo ab, acht wieder zu. Nach dem Haarewaschen binde ich mir die Haare sofort zusammen. Sie sind gelockt, zu voluminös – ich hasse sie. Ihret­wegen werde ich hin und wieder Hagrid genannt. Mit weiten Kleidern hoffe ich, ein bisschen dünner auszusehen. Wenigstens ist die Zahnspange endlich draussen.

Mit 20
Ich lerne während der Berufsmatura jemanden kennen, fühle mich aber nicht schön genug, um mich ihm zu nähern. Ich würde mich schöner fühlen, wenn ich dünner wär – wieso also nicht jetzt daran arbeiten? Im Internet heissts, ich solle 500 Kalorien weniger pro Tag essen. Klingt vernünftig. Nach meinen Berechnungen wäre ich in 7,5 Monaten von 68 auf 53 Kilo run­ter. Bei 1.65 m noch immer normal. Ich setze mein Vorhaben um, esse alles, aber weniger Pasta und Brot.

2 Monate später
Ich bin genau 60 Kilo schwer, hab meine Haare endlich geschnitten und glätte sie täglich. Es läuft gut.

1 Monat später
Ich bin bei 56 Kilo. Inzwischen nehme ich nur noch maximal 1100 Kalorien zu mir. Meistens bleibt es bei 800 Kalorien pro Tag – zweimal Salat täglich. Ausserdem treibe ich jetzt sechsmal pro Woche Sport. Auf der Schul­reise habe ich einen
Typen kennengelernt, wir schreiben uns immer öfters. Auch in der Schule läuft es super. Früher hatte ich eine 3 in Mathe, heute eine 6. Mein Durchschnitt aus allen Fächern: etwa 5,5. Diese Kontrolle über alles ist einfach nur geil.

Wieder 1 Monat später
Ich bin bei 52 Kilo. Mein neuer Wunsch: 48 Kilo – damit ich ein Polster habe, falls ich wieder zunehme. Aus Angst zuzunehmen traue ich mich nicht mehr, etwas anderes als Salat zu essen. Meine Freunde aus der Abendklasse fragen mich, wieso ich nur Salat esse. Ich sage, dass ich zu viel Frühstück und Mittag hatte – jedes Mal. Es nervt, dass sie sich einmischen. Meine tägliche Nahrungs­aufnahme: zum Zmorge nichts, wenns geht. Zum Zmittag: Griechischer Salat. Znacht: Poulet-Caprese-Salat. Total sind das ungefähr 790   Kalorien. Ich habe neu aber auch Fressattacken, ein- bis zweimal pro Woche. In meinem neuen Tagebuch beschreibe ich dieses Verhalten so: "Es ist, als wäre das Gehirn abgeschaltet, aber man bekommt dennoch mit, was passiert. Der Körper funktioniert und greift nach dem Essen – völlig automatisch." Und man isst alles: den Gratin vom Vortag, Schokolade, gesundes Zeugs wie Obst. Danach schämt man sich.

Ein halbes Jahr später
Ich fühl mich echt beschissen, ich mag nicht mehr aus dem Bett. Ich will einfach nicht mehr. Auf eine Fressattacke folgt das Hungern und extrem viel Sport. Mein Gewicht steigt. Ich bin wieder bei 58 Kilo.

Ein weiteres halbes Jahr später
Ich streite wegen Kleinigkeiten mit meiner Familie, meine Freunde will ich nicht mehr treffen, weil meistens gegessen wird. Mach ich nicht mit – ich sage ab. Ich bin jetzt bei 64 Kilo und weine deswegen täglich. Meine Zukunft interessiert mich nicht, Freunde und Familie interessieren mich nicht, und Hobbys habe ich ausser Kalorienzählen ohnehin keine mehr. Ich fühle mich nutzlos und habe erneut Fressattacken. Ein Teufelskreis. Pro Fressattacke nehme ich etwa 2000 bis 3000 Kalorien zu mir – also mehr als den Tagesbedarf einer normalgewichtigen Frau. Dann steige ich auf die Waage und bekomme einen Heulkrampf. Dieser Typ, in den ich mich un­endlich verliebt habe, macht nach der Schule mal eine Bemerkung: "Du hast zugenommen." Irgendwann sagt er, dass er nichts Ernstes möchte. Ich gebe meinem Gewicht die Schuld.

Einen Monat später
Ich suche eine Beratung für Essgestörte auf – endlich. Ich erkläre der Psychiaterin, dass mir nicht nur die Fress­anfälle zu schaffen machen. Auch der Sport- und der Magerwahn machen mich verrückt! Sie aber findet: "Sehr gut. Dass sie so viel Sport machen, ist toll!" Ich werde mit Anti­depressiva behandelt. Damit geht es mir zwar besser, an meinem Essverhalten ändert sich aber nichts. Ich nehme immer weiter zu, ich fühle mich beschissen, ich weiss nicht mehr weiter. Irgendwann bin ich wieder bei 68 Kilo.

Heute, ein Jahr später
In die Therapie bin ich nicht mehr gegangen, denn die Fressanfälle haben plötzlich aufgehört. Wie das kam? Als ich wieder mein ursprüngliches Gewicht hatte, hab ich einfach reingehauen. Zwar immer noch in labiler Verfassung, aber ich habe gegessen und die Diäten aufgegeben, weil es ja nicht schlimmer werden konnte – und genau das war der Wendepunkt. Wirklich hinter mir hab ich das Ganze aber noch nicht: Wenn ich was esse, muss ich mich zum Beispiel nach wie vor davon abhalten, die Kalorien zusammenzuzählen – ich möchte noch immer die Kon­trolle haben. Ich überlege mir, wie es zur Krankheit kam. Sicher aus Selbsthass. Ich hasste alles an mir, konnte mich nie lieben – es ist ein­facher, kalt- als warmherzig zu sich selbst zu sein.

Das Protokoll stammt von einer unserer Mitarbeiterinnen. Sie möchte nicht mit ihrem Namen erscheinen, weil nicht ihr ganzes Umfeld etwas von ihrer Krankheit mitbekommen hat. Die Aufarbeitung hat erst begonnen, eine Therapie kommt auch wieder in Frage.

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