"Sobald man dünnhautig wird, Pausen machen!"

Der Countdown zum grossen Fest läuft. Psychologe Jean-Luc Guyer erklärt, wie wir zwischen Apéros und Geschenkepanik das Krisenpotenzial gering halten.

Von: Melanie Biedermann

Bild: Lukasz Wierzbowski Manchmal brauchts in dem ganzen Trubel ein Time-out.
30 Nov '17
zurück +26 -14
30 Nov '17
zurück +26 -14

Professor Guyer, warum gilt die Weihnachtszeit als emotionales Minenfeld? Weil da viele Hoffnungen und Erwartungen zusammenkommen. Man möchte ein harmonisches Fest verbringen – das in einer Zeit, in der Licht sowie körperliche Bewegung fehlen und wir oft müde und erschöpft sind. Dazu kommt die Angst vor dem Alleinsein, und bei Perfektionisten: dass etwas daneben geht – Geschenke, Essen, die Zusammensetzung der Gäste.

Wo setzt man da an? Ein weniger aufwändiges Menü oder vernünftig abgesprochene Arbeitsteilung können helfen.

Und was macht man mit dem Onkel, der sich an Familietreffen regelmässig betrinkt? Ihn mal nicht einzuladen, ist völlig okay. Betrinken kann er sich ja auch woanders.

Viele wird ein schlechtes Gewissen plagen. Wohin damit? Manchmal hilft es zu hinterfragen: Warum ist das schlechte Gewissen da und wem nützt es? Und man sollte sich selber ernst nehmen und bewusst machen, dass man sich diesmal die Stimmung nicht verderben lassen will.

Mit Traditionen zu brechen, fällt an Weihnachten oft schwer. Ja, Traditionen und Rituale sind wichtig und können ein Fest bereichern. Wenn diese aber nicht mehr mit Sinn und Leben erfüllt sind, können sie zur Last werden.

Manche wichteln und guetzeln Wochen im Voraus, andere feiern selbst Heiligabend am liebsten im Club. Wie geht man mit unterschiedlichen Vorstellungen um? Reden! Die eigenen Erwartungen und Wünsche offenlegen und schauen, wo es Gemeinsamkeiten gibt. Man sollte sich überlegen, an welcher Tradition man festhalten und welche man weglassen oder auch neu einführen will – und auch, wann es besser ist, dass jeder seine eigene Variante verfolgt. 

Sich aus Weihnachten ausklinken – geht das denn so einfach? Wenn man schon weiss, dass die bevorstehende Feier nur belastend wird und dabei nichts Positives herausschaut, sollte man offen sagen, dass man eine Auszeit von Weihnachten braucht.

Was tun, wenn man schon mittendrin ist und plötzlich Teller fliegen oder Tränen fliessen? Dann ist ein Time-out angesagt. Am besten hat man heikle Themen mit den Beteiligten vorher schon angesprochen – oder sich zumindest gemeinsam überlegt, wie man damit umgeht, wenn die Stimmung zu kippen droht. Dann kommt es meistens gar nicht so weit.

Manchmal geht es ja gar nicht so tief. Wenn etwa meine Mutter über meinen Freund oder meinen Look nörgelt. Dann gelingt es vielleicht die Bemerkung der Mutter zu überhören. Noch besser: Mit Humor kontern.

Sollten wir schon vor Heiligabend Pausen einlegen? Sobald man dünnhäutig wird und die Gedanken nur noch darum kreisen, was man noch alles zu erledigen hat: unbedingt!

Wie? Indem man sich etwas Gutes tut, spazieren geht, Yoga macht, ein paar Takte auf dem Klavier spielt oder zur Massage geht. Wenn alles nichts hilft: eine Prioritäten-Liste schreiben: Was muss sein, was ist wichtig und was kann man weglassen?

Wie wichtig ist Körperkontakt in dieser Zeit? Letztlich beruhen sehr viele Streitigkeiten darauf, dass man sich vom Gegenüber mehr Zuwendung wünscht. Körperkontakt kann Spannungen abbauen und Sicherheit vermitteln – manchmal besser als Worte.

Als Reaktion auf ungeliebte Geschenke also lieber mal drücken? Wenn die Umarmung ehrlich gemeint ist, ja. Aber grundsätzlich sollte man sagen können, wenn einem das Geschenk nicht gefällt. In manchen Fällen, etwa bei den Schwiegereltern, ist Diplomatie aber wahrscheinlich der bessere Weg.

Warum sollten wir uns trotz allem auf Weihnachten freuen? Das Zusammensein mit den Liebsten ist gerade in der dunklen Jahreszeit ganz wichtig. Und am Ende ist Weihnachten ein Fest – im Idealfall eines, an dem wir uns gegenseitig Freude machen.

Prof. Jean-Luc Guyer ist Psychologe und Psychotherapeut FSP am Institut für angewandte Psychologie und Dozent an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

comments powered by Disqus

Lies auch das