"Ich trinke seit über einem Jahr keinen Alkohol mehr"

Text-Praktikantin Felicia lebt abstinent – seit sie in einem Hotelzimmer in New York komplett die Kontrolle verloren hat.

Von: Felicia Hofmann

Bild: plainpictures Felicia bestellt nur noch Drinks ohne Alkohol.
13 Nov '17
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17 Uhr, bald Feierabend, irgendjemand lädt zum Abschiedsapéro: Auf der Dachterrasse gibts Bier, Prosecco und Nüssli, eine Kollegin drückt mir ein Glas Sekt in die Hand. "Ich trinke keinen Alkohol", sage ich. Mein Gegenüber wirkt verwirrt. Also halte ich versöhnlich meine Nase ans Glas, schnuppere an schlimmen Erinnerungen und stelle es zurück.

In solchen Situationen lande ich immer wieder. Alkohol ist ein so selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft, dass sich alle Blicke auf jene Person richten, die dankend ablehnt. Und nein, ich bin nicht schwanger. Es hat andere Gründe, dass ich nicht mehr trinke – seit einer Nacht im Sommer 2016.

Literweise Tequila und Sangria im Hotelzimmer

Ich war in New York. Gleich am ersten Abend traf ich eine Freundin, wir wollten zusammen mit ihrem Freund und dessen Cousin aus Honduras – die ich beide nicht kannte – Party machen. Also schmuggelten wir literweise Tequila und Sangria ins Hotelzimmer der beiden Jungs und machten uns eifrig ans Vorglühen. Zum Feiern kamen wir allerdings nie.

Meine Erinnerung besteht aus in Fetzen gerissenen Bildern irgendwo zwischen Rausch und Filmriss: Mal fülle ich glücklich Sangria in den halbvollen Tequila-Becher, mal kauerte ich in Unterwäsche in der Badewanne, und versuchte mit dem Finger im Hals, das Teufelsgesöff wieder rauszukotzen. Und mal hüllt mich meine Freundin in einen Bademantel und legt mich ins Bett.

Seine Hände zwischen meinen Beinen

Dort erwachte ich schliesslich ohne jedes Zeitgefühl im dunklen Hotelzimmer. Meine Freundin und ihr Lover waren weg – sie wollten in ihrer Wohnung schlafen, wie ich später erfuhr. Ich war trotzdem nicht allein: Der Cousin lag an mich geschmiegt im Bett, seine Hände unter dem Bademantel zwischen meinen Beinen. Sein nach Mund, leicht geöffnet und röchelnd, befand sich gerade auf Entdeckungsreise von meinem Hals in Richtung BH.

Ich schälte mich sofort aus dem Bett, suchte meine Kleider zusammen, floh torkelnd aus dem Zimmer. "Come on baby, just give me one kiss", lallte der Cousin noch. In der Lobby rief ich meine Freundin an, kurz darauf stampfte sie wutschnaubend an mir vorbei, zurück ins Hotelzimmer, wo sie ihn zur Rede stellte. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam sie runter, schloss sie mich fest in die Arme und stammelte verzweifelt Entschuldigungen.  Ja, wir hatten auf einen gewissen Grundanstand im Menschen vertraut und waren zutiefst enttäuscht worden. Wortlos stieg ich hinter ihr ins Uber und versuchte, alle Teile von Körper und Seele mitzunehmen. Nur weit weg jetzt. Am anderen Ende der Stadt fiel ich in ein anderes Bett und schlief den ganzen nächsten Tag.

Der Geruch von Alkohol lässt mich erschaudern

Seit dieser Nacht lässt mich der Geruch von Alkohol erschaudern. Zu gross ist die Angst vor einem erneuten Kontrollverlust. "Ich trinke nie wieder Alkohol" wurde für mich vom augenzwinkernden Kater-Spruch zum selbstverständlichen Grundsatz. Wenn ich heute wieder ab und zu die Lust habe, angeschwipst zu sein, reichts mir schon nach ein paar Schlückchen. Manchmal finde ich: Schade eigentlich, denn früher mochte ich den Geschmack eines süssen Mojitos oder gespritzten Weissen.

Meine Freunde haben sich mittlerweile an die Abstinenz gewöhnt – nur an Silvester und zu Weihnachten hörte ich noch doofe Sprüche. In den Ausgang gehe ich seit einem Jahr nicht mehr so oft: Soo lustig ist es im Club ohne Alk eben doch nicht. Aber ganz ehrlich: Ich möchte es gar nicht mehr anders. Denn es geht mir gut. Ich verliere keine Tage mehr an Übelkeit und Kater, verliere nicht die Kontrolle über mich selbst – und schon gar nicht meine Würde und meinen Körper an einen notgeilen Typen.

Wenn die anderen im Club Wodka trinken, bestellt Felicia Hofmann, 22, lieber Cola oder Eistee. Trotz jener New-York-Nacht plant sie, im Winter in die Stadt zurückzukehren.

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