"Sie haben Angst vor ihren Familien"

Wer homo- oder bisexuell ist, dem droht im Iran die Todesstrafe. Eine junge Schweizerin hat Menschen porträtiert, die wegen ihrer Sexualität flüchten mussten.

Von: Karin Zweidler

Bild: "There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017 Verboten im Iran: Männer, die Männer lieben.
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"Es gibt im Iran keine Homosexuellen. Nicht so, wie in ihrem Land", sagte der damalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad am 24. September 2007 bei einer Diskussion an der Columbia University in New York. Nun ja: Es gibt sie natürlich schon. Nur dürfen sie das nicht zugeben. Auch heute noch ist Homosexualität im Iran verboten. Wer als Mann Männer und als Frau Frauen liebt, dem droht die Todesstrafe.

Für Schwule, Lesben und Bisexuelle gibt es im Iran derzeit drei Möglichkeiten: Entweder sie leben eine Lüge, deklarieren sich als Transgender und lassen sich operieren – das gilt im Iran zwar als Krankheit, ist aber immerhin erlaubt –, oder sie flüchten aus ihrer Heimat.

Kein Recht auf Existenz

Laurence Rasti ist Schweizerin mit iranischen Wurzeln und hat an der École Cantonale d’Art de Lausanne studiert. Für ihre Bachelorarbeit reiste sie zehn Mal in die türkische Kleinstadt Denzili, wo hunderte von geflüchteten Homosexuellen hingebracht und vorübergehend stationiert werden. Dort porträtierte sie die Menschen, die in ihrer Heimat nicht existieren dürfen.

Ihre Fotos sind jetzt – zusammen mit Interviews – als Buch mit dem Titel "There are no homosexuals in Iran" erschienen und erhalten international grosse Aufmerksamkeit. Wir haben mit der 27-Jährigen über ihre Arbeit gesprochen.

Bild: There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

Laurence, du hast dich mit Menschen befasst, die es offiziell nicht gibt. Wie bist du an sie herangekommen? Ich habe einige NGOs angeschrieben, die sich für iranische Queers einsetzen. Eine Mitarbeiterin hat meine E-Mail dann einem freiwilligen Helfer vor Ort, der selbst ein homosexueller Flüchtling war, weitergeleitet. Den musste ich aber erstmal überzeugen.

War das schwer? Es hat schon gedauert. Er wusste ja nicht mal, wer ich bin. Ich bin dann hingeflogen und habe mich mit ihm verabredet. Er ist tatsächlich gekommen, zusammen mit seinem Partner. Ich habe ihm erklärt, was ich vorhatte. Nach einem Gespräch hat er mir dann zum Glück vertraut.

Wie gings weiter? Der erste Porträtierte hat mich weitervermittelt und die nächste Person dann wieder. Die Kunst war aber immer, sie dazu zu bringen, mich überhaupt zu treffen und dann, sich mir zu öffnen. Diese Menschen können es sich nicht leisten, einfach so zu vertrauen. Ich musste immer wieder erklären, was ich genau vorhatte und warum mir dieses Thema überhaupt so wichtig war.

Warum ist es dir denn so wichtig? Ich liebe den Iran. Als Kind bin ich einmal pro Jahr hingereist mit meiner Familie. Als junge Erwachsene hab ich dann die vielen Unterschiede zwischen meinem Leben in der Schweiz und dem im Iran wahrgenommen – erst die Frauenrechte, weil sie mir persönlich am nächsten sind, dann diejenigen von Homosexuellen, weil ich viele schwule und lesbische Freunde habe. Mir war schnell klar, dass ich das bald thematisieren will.

Wie hast du die Stimmung während deiner Arbeit in Denizli wahrgenommen? Damals, als ich vor drei Jahren anfing, waren die Flüchtlinge ziemlich hoffnungsvoll. Sie mussten beweisen, dass sie wirklich homosexuell, also in Gefahr, waren und flüchten mussten und haben dann darauf gewartet, dass sie das Visum für eine neue Heimat bekommen – meistens ungefähr anderthalb bis zwei Jahre. Das war zwar hart, ihr Leben war für diese Zeit stillgelegt, aber sie hatten Hoffnung.

Und heute? Ist die Situation schwieriger. Die Flüchtlingskrise ist akuter geworden. Die Chancen für die homosexuellen Flüchtlinge aus dem Iran sind schlechter, weil sie auf der Prioritätsliste gegenüber den Kriegsflüchtlingen runtergerutscht sind. Kanada nimmt nur noch Flüchtlinge aus Syrien auf, die USA hat den Muslim-Ban eingeführt.

Was macht das mit ihnen? Sie denken nicht mehr darüber nach, wie lange sie wohl warten müssen, bis sie weiter dürfen. Sie haben einfach nur Angst, zurückgeschickt zu werden.

Und wieder eine Lüge leben zu müssen? Die einen ja. Die meisten sind aber noch nicht mal freiwillig gegangen, sondern weil sie aufgeflogen sind und keine andere Wahl hatten. Da wäre eine Rückkehr fatal.

Die iranische Regierung ist gegen Homosexualität. Wie siehts in der Bevölkerung aus? Ich habe die Eltern von manchen Protagonisten getroffen. Viele wussten erst seit Kurzem, dass ihre Kinder homosexuell sind und es war spannend, zu beobachten, wie sich ihre Einstellung dazu veränderte. Sie haben durch ihre Kinder realisiert, dass Homosexualität nichts Abnormales ist. Da waren vorher so viele Vorurteile.

Und im Iran darüber reden ist keine Option? Nein. Die Homosexuellen haben ja nicht nur vor der Regierung Angst, sondern auch vor ihren Familien. Ein Coming-out liegt nicht drin. Irgendwann müssen sie aber dann erklären, warum sie als 30-jährige Person nicht heiraten wollen. Sich zu verlieben, Beziehungen zu führen und Sex zu haben ist ja eigentlich etwas Schönes. Für sie wird es zur enormen Belastung.

Was willst du mit dem Buch erreichen? Mein Traum wäre es, das Bild, das Iraner von Homosexuellen haben, zu beeinflussen. Deswegen ist die eine Hälfte des Buches in Farsi geschrieben. Allgemein wünsche ich mir, dass homophobe Leute merken, dass gleichgeschlechtliche Liebe nichts Unnatürliches ist. Dass es egal ist, wen man liebt.

Bilder aus dem Buch

  • Bild: There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

  • Bild: There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

  • Bild: There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

  • Bild: "There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

  • Bild: "There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

  • Bild: There Are No Homosexuals in Iran“, Edition Patrick Frey, 2017

  1. Slide 1

"There are no homosexuals in Iran", Fr. 52.- bei Edition Patrick Frey.

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