"Ich war Ü30, solo und komplett planlos"

Wenn Langzeit-Singles dreissig werden, kriegen viele die Krise. Friday-Autorin Melanie Biedermann hat auch gelitten – dann beschloss sie, das ungebundene Leben wieder zu geniessen.

Von: Melanie Biedermann

Bild: Plainpicture
27 Okt '17
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Wer zu lange Single ist, wird komisch. Besonders Frauen. Ich habe es von vielen Seiten gehört. Spätestens, wenn die biologische Uhr sich ins Bewusstsein tickt, kommt die Panik. Gleich danach: Verzweiflung und Verbitterung. Das würde mir nicht passieren. Ich war mir sicher.

Warum sollte es auch? Mir ging es gut. Kurz nachdem ich vor fünf Jahren nach Zürich gezogen war, hatte ich enge Freundschaften und einen Traumjob, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn kriege. Eine ernsthafte Beziehung? Führte ich bis zu diesem Zeitpunkt – ich war 27 – noch nie. Trotzdem fehlte mir nichts.

My Choice und niemanden störts

Ein Single-Leben kann nämlich sehr erfüllend sein. Reisen, spontan, wohin und mit wem ich will. Täglich Freunde treffen oder drei Tage im Bett vor mich hinvegetieren, sich besinnungslos betrinken, den Haushalt ignorieren, Nachtschichten schieben und mich jede Woche neu verlieben. Theoretisch alles möglich. My choice – und niemanden störts.

Einsamkeit gehört dazu, aber wer lange genug Single ist, lernt gut mit sich und seinen Gedanken allein zu sein. Man kennt die Fragen der anderen: «Warum klappts bei dir nicht?», «Bist du zu wählerisch?», «Willst du etwa keine Familie?» –
der Subtext: Was läuft falsch mit dir?

Die Warnsignale häufen sich

Bei mir war es simpel: Ich sah einfach nie einen Grund, mit jemandem, der eventuell ganz gut passt, mein Leben und mein Innerstes zu teilen. Die Uhr tickte ja noch nicht. Und jede Trennung, die ich von aussen miterlebte, bestätigte mich in meinem manchmal lieblosen, dafür verhältnismässig dramafreien Single-Dasein. Gelegentliche Affären pushten mein Ego gerade genug, um über die fehlende Intimität hinwegzusehen.

Doch die Warnsignale häuften sich, die Frage nach der Familie stellte man sich immer öfter unter Freunden. «Ich seh mich nicht wirklich mit Kindern», war lange mein Standpunkt. Als aus einer Absturznacht dann doch mal eine Beziehung wurde – sie hielt knapp zwei Jahre –, wechselte ich etwa zur Halbzeit auf «eher nicht», bald zu «vielleicht». Gegen Ende der Liebe dachte ich: «Kann ich mir vorstellen, aber nur mit dem richtigen Mann.»

Aufkommende Panik

Und dann stand ich da: Ü30, back to solo, komplett planlos. Die meisten meiner Freunde hatten sich in den vergangenen Jahren ebenfalls getrennt, sie hatten gelitten und, wie ich kurz vor meinem 31. Geburtstag feststellte, inzwischen ausnahmslos alle ein neues +1 gefunden. Meine iPhone-Notiz zeigte es schwarz auf weiss: Ich war der letzte Single auf der Party. Jetzt hörte ich eine Bombe ticken.

Obwohl keines meiner befreundeten Paare verheiratet ist oder Kinder hat, spüre ich es: Sie sind angekommen, während ich noch nicht mal das Ziel kenne. Die Frage wird unausweichlich: Will ich wirklich keine Familie? Falls doch, wann soll das passieren? Wie? Wenn mich bis jetzt niemand wollte, warum soll es in Zukunft einer tun? Sollte ich meine Eizellen einfrieren lassen? Bin ich nicht schon zu alt dafür?

Und dann erschütterte es mich im Kern

Ich schweifte immer mehr ab, auf meinen Job, meine Werte, bis ich keine Ahnung mehr hatte, was ich wollte oder wer ich war, geschweige denn wohin es von hier aus gehen sollte. Heulkrämpfe und Herzflattern gehörten neu zu meinem Alltag. Ich war panisch, fühlte mich ohnmächtig und hilflos – und schämte mich dafür.

Die Konfrontation mit dem eigenen Ungenügen trifft jeden, einen übriggebliebenen Single wie mich erschüttert es im Kern. Denn es ist nicht die Angst vor dem Alleinsein oder der Einsamkeit, die hat man irgendwann gut im Griff. Es ist die Angst davor, dass man nach Jahren als Single verpasst hat zu lernen, wie man eine Beziehung führt, wie sich Nähe anfühlt, was es bedeutet, mit einem anderen Menschen den Grossteil seines Lebens zu teilen. Und die Erkenntnis, dass ein Single-Leben am Ende vielleicht doch mehr wehtut als ein geteiltes.

So gehts nicht weiter: Ein Entschluss

Nach viel freundschaftlichem Rat und professioneller Hilfe fasste ich für mich den Entschluss: Ich will mein Singlesein wieder geniessen. Aber im Gegensatz zu früher will ich auch das Drama. Weil ich mehr denn je der Überzeugung bin: Ohne Schmerz gibt es keine Schmetterlinge und ohne Schmetterlinge keine Chance auf Liebe. Ich weiss bis heute nicht, ob ich die Liebe für immer und im klassischen Komplettprogramm will, aber ich will zumindest die Option darauf.

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