Wehrt euch auch im echten Leben!

Statt unsere Erfahrungen mit sexueller Gewalt online zu sharen, sollten wir Frauen lernen, den Männern auch im echten Leben Grenzen aufzuzeigen, findet Redaktorin Marie Hettich.

Wehrt euch auch im echten Leben!
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18 Okt '17
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Eins vorweg: #metoo. Natürlich me too! Ich gehe stark davon aus, dass es auf der ganzen Welt keine einzige erwachsene Frau gibt, die noch nie sexuell belästigt wurde. Gut, dass diese Tatsache nun, vier Jahre nach dem #aufschrei, auch den ignorantesten Menschen auf ihren Social-Media-Feeds und Lieblings-News-Seiten beim Morgenkaffee nochmals in aller Deutlichkeit vor Augen geführt wird.

Bloss frage ich mich: Wie geht es nach #metoo weiter? Wird sich grundlegend etwas ändern? Ein Interview der "Süddeutschen Zeitung" mit #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek lässt mich wenig auf eine Revolution hoffen. "Seit wir 2013 mit Aufschrei begannen, habe ich mehrmals erlebt, dass diese Debatten wieder bei Null anfangen." Man müsse alles stets wieder von Neuem erklären, so Wizorek: "Was ist eigentlich sexuelle Belästigung? Was ist Sexismus? Gibt es das alles überhaupt?"

Überall kleine Männer-Egos

Wir fangen wieder bei Null an – genau diesen Eindruck habe ich gerade. Auch bei der aktuellen Hashtag-Debatte sind wieder alle Frauen solidarisch, wieder fühlen sich Männer angegriffen, wieder finden sie, jetzt sei aber auch mal wieder gut mit dem Thema, wieder unterstellen sie uns, dass wir übertreiben, lügen oder dass wir selbst schuld seien, wenn wir sexuell belästigt werden.

Sexismus passiert nicht hier und da mal, Sexismus ist ein strukturelles Problem. Die Kommentarspalten veranschaulichen das hervorragend: Schon wieder überall jämmerliche Männer-Egos, die sich am Sexismus festkrallen, als könnten sie ohne ihn nicht überleben. Was ja auch stimmt: Um sich gross und wichtig zu fühlen, braucht es Leute, die kleiner und unwichtiger sind. Schwule und Schwarze zum Beispiel. Oder eben Frauen.

Die Augen-zu-und-durch-Taktik

Wenn wir Sexismus bekämpfen wollen, müssen wir mehr tun, als dem Internet einen Schwank aus unserem Leben zu erzählen. Wir müssen im echten Leben klare Ansagen machen. Und zwar immer, wenn ein Mann wieder einmal eine Grenze überschritten hat. Im Ausgang, im ÖV, im Gym. Auf Familienfeiern, am Arbeitsplatz. Oder beim Arzt – wo ich vor wenigen Wochen selbst wie versteinert auf der Liege sass, weil dieser alte Mann, nachdem er mit seiner Untersuchung durch war, völlig selbstverständlich meinen Oberschenkel tätschelte.

Wie lange er mit dieser Nummer wohl schon durchkommt? Wie lange wohl schon Frauen wortlos nach Hause huschen und sich beschissen fühlen? Harvey Weinstein hat das dreissig Jahre lang geschafft. Das geht nur, weil wir immer noch zu feige und unsicher sind, Männer in ihre Schranken zu weisen. Weil wir diese Augen-zu-und-durch-Taktik so gruselig verinnerlicht haben. Dass wir sexuell belästigt werden, können wir kurzfristig kaum ändern. Aber wir können ändern, dass solche Männer ein Leben lang, Morgen für Morgen, mit einem guten Gefühl in den Spiegel schauen.

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