"Der Sex im Puff ist der gleiche wie überall"

Ilan Stephani hat zwei Jahre als Prostituierte gearbeitet. Nun hat sie ein Buch darüber geschrieben, was sie im Bordell gelernt hat.

Von: Marie Hettich

Bild: Merav Maroody "Ich habe Huren als starke Frauen erlebt": Autorin Ilan, 31.
13 Okt '17
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Ilan, wie kommt man mit 19 Jahren auf die Idee, Prostituierte zu werden? Ich bin behütet auf dem Land aufgewachsen und hatte konstant das Gefühl, etwas zu verpassen. Nach der Schule bin ich sofort für mein Studium nach Berlin gezogen. Dort hatte ich dann kein Interesse daran, einfach das zu tun, was man von mir, der braven Musterschülerin, erwartete.

Ausbrechen ginge auch anders. Weshalb der Job in Sexmilieu? Auf Sex unabhängig von Liebe oder Vertrauen war ich schon immer neugierig – ich bin bereits mit 18 in Swingerclubs gegangen.

In deinem Buch beschreibst du, wie das Frauenfrühstück einer Prostituiertenorganisation in Berlin deine Welt durcheinandergebracht hat. Die Frauen dort waren so normal – das hatte ich nicht erwartet! Frauen wie ich, die über dieselben Dinge reden. Ich habe gemerkt, dass ich mich gar nicht verwandeln muss, wenn ich als Hure anfangen will.

Momentan hören wir oft von Zwangsprostitution junger Migrantinnen  – und du machst Werbung für den Job? Ich mache keine Werbung für den Job. Aber ich will mit meinem Buch zeigen, dass es auch freiwillige Sexarbeit unter fairen Arbeitsbedingungen gibt. Dass die Hure nicht immer das Opfer ist. Nichts liegt mir ferner, als zu verharmlosen, was Zwangsprostituierte durchmachen müssen.

Hast du keine Angst, dass dir Verherrlichung vorgeworfen wird? Doch, denn die meisten Reaktionen auf das Thema Prostitution sind ja immer gleich irrational, irgendwo zwischen "geil" und "schrecklich". Ich wünsche mir, dass die Leute mein Buch ernst nehmen. Auch wenn es unzählige Frauen gibt, die Prostitution als Albtraum erleben, habe ich ein Recht auf meine Geschichte.

Wie war dein erster Arbeitstag im Puff? Man muss sich diesen Ort wie ein Wohnzimmer vorstellen. Der Umgang ist herzlich, es ist immer eine Ansprechpartnerin da, man hat ständig intensiven Kontakt mit Menschen. Das hat mich vom ersten Tag an berauscht. Ausserdem hatte ich mit meinen Kolleginnen viele schöne, tiefe Gespräche – oberflächlichen Smalltalk gibts im Puff kaum.

Okay, die Kolleginnen sind nett – aber was ist mit dem Sex? Es ist definitiv anstrengend, sich immer wieder auf einen neuen Mann einzulassen. Deshalb hätte ich auch nicht öfter als zweimal pro Woche arbeiten und mehr als fünf Freier am Tag annehmen können. Der Sex an sich war aber ziemlich unspektakulär. Es ist eigentlich derselbe Sex, der draussen stattfindet.

Derselbe Sex? Was im Puff passiert, spiegelt, was ohnehin schon da ist. Ich habe nichts erlebt, das ich nicht schon kannte: Man fängt zum Beispiel an, sich zu berühren, schläft dann aber doch nicht miteinander. Gut ein Drittel meiner Freier sind ohne Ejakulation wieder nach Hause gegangen, weil ihnen eine Massage oder eine gute Zuhörerin wichtiger waren. Im Puff habe ich aber auch realisiert, wie traurig es ist, was unsere Gesellschaft aus Sex gemacht hat.

Was meinst du damit? Frauen schlafen so oft mit Männern, obwohl sie gar keine Lust auf Sex haben. Zum Beispiel, weil sie sich begehrt fühlen möchten. Oder aber weil sie sich nicht trauen, Nein zu sagen, nachdem sie der Typ zum schicken Dinner ausgeführt hat. Oder der Klassiker: Sie täuscht den Orgasmus vor, damit er mit sich zufrieden ist und sie wieder ihre Ruhe hat – genau so, wie Huren das machen.

Das heisst? Sex ist in dieser Gesellschaft, wie im Puff,  oft nur ein Tauschgeschäft. Wir Frauen, aber auch die Männer, haben nicht gelernt, mehr von Sex zu wollen. Uns Zeit dafür zu nehmen, neugierig auf sein grosses Potenzial zu sein. Unsere Genitalien sind regelrecht abgestumpft.

Es ist doch trotzdem etwas anderes, ob man mit einem Mann seiner Wahl schläft – oder mit Freiern, die dafür bezahlen. Ich konnte jederzeit Freier ablehnen, genauso wie ich ihre Wünsche ablehnen konnte. Ich habe Huren als starke Frauen kennengelernt, die ihre Meinung sagen und Grenzen setzen – davon können sich die allermeisten von uns etwas abschauen. Die Bezahlung finde ich nicht problematisch: Warum sollte es mich abwerten, wenn ich für etwas bezahlt werde? Wenn mich ein Freier beim Sex gleich behandelt wie mein One-Night-Stand am Wochenende?

Lässt sich das tatsächlich vergleichen? Die wenigsten Männer sind stolz darauf, sich gerade eine Hure gekauft zu haben. Es ist kein Aufriss für den Ego-Push, sie haben nichts dafür getan. Das wissen sie. Deshalb haben mich die allermeisten Freier mit viel Respekt behandelt. Ich habe mich begehrt gefühlt.

In deinem Buch beschreibst du allerdings auch einen Freier, der furchtbar mit dir umgegangen ist. Übrigens ein extrem gutaussehender, junger Mann. Er hat mich so überrumpelt, dass ich Todesangst hatte. Aber das hätte mir genauso gut beim Sex ausserhalb des Puffs passieren können.

Hattest du nie Angst vor Kondompannen? Mir sind zwei passiert. Es war die Hölle, drei Monate zu warten, bis ich den HIV-Test machen konnte. Heute würde ich mit diesem Risiko nicht mehr so leichtfertig umgehen.

Warum hast du aufgehört? Der Puff war irgendwann sexuell nicht mehr interessant für mich. Sex zu erforschen braucht Zeit und Vertrauen – und davon gibts im Puff nun wirklich nicht genug.

 

Ilan Stephani, die heute in Berlin als Körper- und Traumatherapeutin arbeitet, widerlegt mit ihrem Buch "Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe" so ziemlich alle Klischees über Prostitution, die es gibt. Das provoziert – und fesselt.

 

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