Wir hätten da 5 Fragen

Star-Filmproduzent Harvey Weinstein ist am Ende: Immer mehr Schauspielerinnen werfen ihm sexuelle Belästigung vor. Der Fall wird immer vertrackter. Und wir haben immer mehr Fragen.

Von: Marie Hettich

Wir hätten da 5 Fragen
Bild: Getty Images
12 Okt '17
zurück +27 -22
12 Okt '17
zurück +27 -22
  1. Wieso geht es Weinstein erst jetzt an den Kragen?

    Man muss sich das einmal vorstellen: 30 Jahre lang belästigte Harvey Weinstein, einer der erfolgreichsten Hollywood-Produzenten aller Zeiten, Assistentinnen, Models und Schauspielerinnen. Sogar von drei Vergewaltigungen ist die Rede; immer wieder floss Schweigegeld. Weinstein feierte mit Filmen wie "Pulp Fiction", "Shakespeare in Love" und "Sin City" in aller Ruhe einen Mega-Erfolg nach dem anderen – bis die "New York Times" am 5. Oktober alles aufdeckte. Mittlerweile ist klar: Weinsteins Übergriffe wurden in Hollywood als wohlbehütetes Geheimnis behandelt. Léa Seydoux etwa, neben Model Cara Delevingne das neuste Opfer, äusserte sich gestern in einem "Guardian"-Essay zum Thema Mitwisser deutlich: "Das Widerlichste an allem ist: Jeder wusste, wie Harvey drauf war – und niemand hat irgendwas dagegen getan."

  1. Hatte seine Frau wirklich keine Ahnung?

    Die Britin Georgina Chapman, Ex-Model und Modedesignerin, war 15 Jahre lang mit Weinstein verheiratet – nun ist Schluss. "Mir bricht es das Herz, wenn ich an all die Frauen denke, die aufgrund dieser unentschuldbaren Handlungen durch so viel Leid gehen mussten", sagte Chapman am Dienstag zum Magazin "People". "Ich habe mich dazu entschieden, meinen Mann zu verlassen." Wir fragen uns: Kann man wirklich 15 Jahre mit einem Mann zusammen sein, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, wer er wirklich ist? Ist nie irgendeine Info von all den Anschuldigungen, von dem Schweigegeld zu ihr durchgedrungen? Und falls doch: Warum um alles in der Welt bleibt man dann trotzdem mit so einem Mann zusammen?

  1. Wie bekloppt sind Donna Karan und Lindsay Lohan eigentlich?

    Eigentlich könnte man davon ausgehen, dass es nach aktuellem Informationsstand keinen Grund gibt, Weinstein in Schutz zu nehmen. Zwei Idioten haben aber exakt das getan: Die Designerin Donna Karan sagte am Sonntag der "Daily Mail", wir Frauen sollten uns lieber selbst fragen, wie wir uns präsentieren, und ob wir zum Beispiel mit aufreizender Kleidung Männer zu solchen Taten regelrecht auffordern würden. Nachdem ein Shitstorm auf sie hereingeprasselt war, entschuldigte sich Karan für ihre Wortwahl. Lindsay Lohan hatte so viel Mitleid mit Weinstein, dass sie auf Instagram eine Story postete, in der sie – mit optischer Untermalung eines Engel-Emojis – alle Frauen auffordert, sich mal wieder einzukriegen und betonte, wie nett Weinstein immer zu ihr gewesen sei. Zum Glück ist auch dieses Video schnell wieder verschwunden. Kann sich mal jemand um Lindsay Lohan kümmern? Da ist jemand wohl völlig neben der Spur.

  1. Was geht in Harvey Weinsteins Kindern vor?

    Weinstein hat drei Töchter aus erster Ehe – alle zwischen 15 und 22 Jahre alt. Man kann sich kaum ausmalen, was die drei jungen Frauen gerade durchmachen müssen. Laut TMZ.com war Weinstein gestern bei seiner ältesten Tochter Remy zuhause, die irgendwann die Polizei rief, weil ihr Vater "selbstmordgefährdet und depressiv" sei. Die beiden Kinder aus Weinsteins zweiter Ehe, vier und sieben Jahre alt, sind noch jung, aber alt genug, um das Drama mitzubekommen.

  1. Wie viele Harvey Weinsteins rennen draussen noch rum?

    Léa Seydoux' Essay für den "Guardian" beginnt mit dem Satz: "Auf Männer wie Harvey Weinstein treffe ich die ganze Zeit." Später im Text schreibt sie: "In dieser Industrie gibt es viele Regisseure, die ihre Macht missbrauchen. Sie haben so viel Einfluss, deshalb kommen die damit durch (...) Frauen in der Filmindustrie müssen sehr stark sein." Was die Schauspielerin damit angesprochen hat, zeigt deutlich: Harvey Weinstein ist vielleicht ein extremer Fall – aber ganz sicher nicht der einzige, der in Hollywood zu finden ist. Und was die meisten von uns Frauen leider zu gut wissen: Man muss nicht Schauspielerin und Model sein, um Opfer sexueller Gewalt zu werden. Sie ist überall. Und immer noch kommen unzählige Männer damit davon.

comments powered by Disqus

Lies auch das