Ich war zum ersten Mal bei den Chippendales

Eigentlich steht Textpraktikantin Emel Erikçi überhaupt nicht auf muskulöse Männer, die sexy tanzen – eigentlich. Jetzt weiss sie, wie einfach sie eben doch gestrickt ist.

Von: Emel Erikçi

Ich war zum ersten Mal bei den Chippendales
Bild: Courtesy of Chippendales Ob auf dem Bett, in der Badewanne oder auf dem Sofa – die Chippendales machens überall.
10 Okt '17
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Wir hatten die Tickets gewonnen, ich wurde dazu überredet, wir wollten es ironisch angehen: Das sind meine Gründe, weshalb ich an einer Chippendales-Show gelandet bin. Falls ihr noch nie von denen gehört habt: Die Chippendales sind eine Männergruppe aus den USA, die mit ihren erotischen Tanzeinlagen weltweit Erfolge feiert – und das schon seit 1979.

Ihr Markenzeichen: nackte (Ober-)Körper, weisse Kragen mit schwarzen Fliegen und weisse Manschetten an den Handgelenken. Ihre Shows sollen der Unterhaltung des mehrheitlich weiblichen Publikums dienen. Mittendrin ich, die Oberflächlichkeit ganz schnell blöd findet. Ich, die Objektifizierung wenn immer möglich verurteilt. 

Ihr bestes Stück bleibt verborgen

Kurz bevor die Show anfängt, bin ich panisch. Ich frage mich wirklich, ob es okay ist, hier zu sein. Man stelle sich mal vor, das wären StripperINNEN und der ganze Saal wäre voll mit gaffenden, geilen Männern. Ich lege mir ein Mantra zurecht: "Sie wollen von sich aus blutt tanzen, sie haben Spass, alles wird gut, irgendwann ist es vorbei." 

Als die Show beginnt, erschreckt mich der Sound: Die Musik ist unglaublich laut. Während die muskelbepackten Männer noch angezogen sind, bleibt das Publikum ziemlich leise. Als sich die Stripper schliesslich die Kostüme von den Körpern reissen, verstehe ich: Die Musik muss das ohrenbetäubende Gekreische der Frauen übertönen. Falls ihr euch fragt, wie weit die Chippendales gehen: Sehr weit. Wir sehen alles, bis auf ihr bestes Stück, das sie meistens mit einem Hut oder der eigenen Hand zensieren.

Die Show funktioniert nach allen Regeln der Klischees: Da ist der smarte Anzugträger mit Brille, der rotzige Rapper im weissen Tanktop, der hart arbeitende Bauarbeiter mit Helm und Riesenhammer und Christian Grey mit Peitsche. Auch vom Männertyp her ist für jede Frau was dabei: Latinos, Dunkelhäutige, der "Backstreet Boy" mit blonden Strähnchen und verschmitztem Lächeln. Die Kostüme liegen innerhalb von dreissig Sekunden in Fetzen am Boden. Ist ja auch der Sinn der Sache.

Der Chipp mit den langen Haaren, der singen und Gitarre spielen kann – ein Publikumsfavorit.

Bild: Courtesy of Chippendales

Und wie geht es mir dabei?

Ich muss zugeben, ich habe mich ein bisschen besser kennengelernt: Ich bin einfacher gestrickt als gedacht. Das ist mir echt peinlich, denn normalerweise stehe ich weder auf Striptease noch auf durchtrainierte Männer. Ich weiss nicht, ob es an der Musik liegt, dem provokativen Tanz oder dem Überfluss an Hormonen in der Luft, aber ich kreische im Chor mit und ellbögle aufgeregt mit meiner Sitznachbarin, wenn sich wieder einer auszieht. 

Was zu weit geht

Zur Show gehört das Einbinden des Publikums, und hier kommt es auch zu richtig ekelhaften Momenten. Die auserwählten Frauen werden auf Stühle gesetzt, auf ein Bett gelegt oder irgendwo angebunden und dann angetanzt. Eine Frau muss mit dem Mund einer Banane ein Kondom überziehen, die sich – surprise surprise – zwischen den Beinen eines Chipps befindet. In der zweiten Hälfte der Show wird jemand auf die Bühne geholt und sogar geküsst und angefummelt. Ein Chipp schaut unter ihr Shirt, ein anderer betatscht ihre Brüste und greift dann sogar zwischen ihre Beine.

Das finde ich krass. Das sind doch Übergriffe, die ich mir sicher nicht gefallen lassen hätte – auch wenn es offenbar zur Show gehört. Die Frauen auf der Bühne aber wirken nicht so, als hätte es ihnen etwas ausgemacht. Die wenigsten schauen peinlich berührt, die meisten tanzen freudig mit und fassen glücklich an die Oberkörper der Stripper.

Bevor die Auserwählten jeweils auf die Bühne gehen, flüstert ein Chipp ihnen was ins Ohr. Ich glaube – und hoffe wirklich –, dass die Mädels vorgewarnt werden. Gut möglich aber, dass die Jungs sich einfach das Recht rausnehmen, die Frauen – die doch freiweillig auf der Bühne sind – zu befummeln. Es gibt da aber einen kleinen Unterschied: Die Zuschauerinnen sind gekommen, um den nackten Typen nahe zu sein, nicht um sich zwischen die Beine fassen zu lassen.

Gehe ich irgendwann nochmals an eine Show?

Die Show geht mit einem sexy Backstreet-Boys-Auftritt inklusive "I Want It That Way" zu Ende. Danach bildet sich eine Schlange vor der Bühne: Für 10 Franken gibts ein Foto mit dem Lieblings-Chipp. Ich will den Saal nur noch verlassen und ins Bett – das Ganze hat mich ausgelaugt, weil ich mit den anderen mitgekreischt und gefeiert habe. Geichzeitig frage ich mich, weshalb mir die Show trotz der negativen Eindrücke gefallen hat.

Ob ich mir die Chippendales irgendwann nochmals anschaue? Nur, wenn mich wieder jemand überredet.

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