Mein Mami ist meine beste Freundin

Jahrelang waren meine Mutter und ich vor allem damit beschäftigt, uns gegenseitig anzuzicken – bis ich auszog und sie neu kennenlernte.

Von: Felicia Hofmann

Mein Mami ist meine beste Freundin
Bild: Felicia Hofmann Plaudern, Kafi trinken und in Berns Altstadt die Herbstsonne geniessen: Mach ich am liebsten mit Mami.
09 Okt '17
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Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich und meine Mutter uns ständig in die Haare gerieten. Wir stritten über vergessene WC-Putz-Ämtli, über missglückte Versuche, kreative Weihnachtsgeschenke zu basteln und darüber, wer mit dem Hund spazieren geht.

Dass sie mal eine meiner liebsten Freundinnen werden würde, hätte ich mir nie im Leben vorstellen können. Ich sah sie nicht als Frau, nicht als jemanden, der mitten im Leben steht, der eigene Interessen und eigene Probleme hat. Für mich war sie jahrelang einfach meine Mutter. Ich war egoistisch genug zu glauben, ich sei das, was ihr Leben ausmache.

Auf Augenhöhe

Vergangenes Jahr bin ich ausgezogen. Das änderte alles: Ich begann, meine Mutter mit anderen Augen zu sehen. Plötzlich ist mir aufgefallen, wie sie sich immer wieder neu erfindet, sich weiterbildet. Auf einmal war ich stolz darauf, welch ein spannendes Leben sie führt.

Gleichzeitig begann meine Mutter, in mir nicht mehr nur die schutzbedürftige Tochter zu sehen. Immer öfter erzählte auch sie mir von ihren Sorgen und Problemen – und ich gab die Ratschläge. Es entstand eine Beziehung auf Augenhöhe.

Der Altersunterschied bereichert

Meine Geburt war kompliziert und dauerte ewig. Man musste mich mit einer Saugglocke am Hinterkopf herausziehen. Während der Strapazen tröstete eine Hebamme sie mit den Worten: "Sie beide überstehen das. Denn Reibung erzeugt Wärme – aus einem schwierigen Start wird eine innige Beziehung." Damit hatte sie definitiv recht.

Zu keiner meiner Freundinnen habe ich heute solch ein tiefes Vertrauen, niemand kennt und versteht mich so wie meine Mutter. Dass sie knapp dreissig Jahre älter ist, empfinde ich als Bereicherung – meine Freundinnen bringen nun mal nicht so viel Lebenserfahrung mit.

Seit ich ausgezogen bin, weiss ich auch, wie ähnlich wir uns sind: Wir kichern gemeinsam über den knackigen Po des Kellners, diskutieren über Spiritualität, lästern über fiese Mitmenschen, ich bringe ihr Instagram bei, sie mir das Leben als eigenständige Frau.

Quatschen, weinen, lachen

Wenn ich meine Mutter zwei Wochen lang nicht gesehen habe, vermisse ich sie. Dann treffen wir uns auf einen Tee bei mir in der WG oder bei ihr im Garten; wir quatschen, weinen, lachen – und gehen dann wieder unseren Weg. Ohne Zickereien, dafür mit dem Gefühl, dass da jemand ist, mit dem man immer eine gute Zeit haben kann.

 

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