Wie funktioniert die weibliche Lust?

Und worin unterscheidet sie sich von der männlichen? Michèle Binswanger, Autorin von "Fremdgehen – ein Handbuch für Frauen", fasst für uns zusammen.

Wie funktioniert die weibliche Lust?
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03 Okt '17
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  1. Faktor Penis

    Wäre Sexualität ein Wettbewerb, hätten Jungs einen unfairen Vorteil. Erstens ist ihr Penis von Anfang an sichtbar und leicht zugänglich. Mit ihm zu spielen, gilt schon bei kleinen Jungs als normal und unverdächtig. Deshalb wissen die meisten zu Beginn der Pubertät genau, was ihnen gefällt und was nicht.

    Anders die Mädchen: Ihnen wird vermittelt, dass sie mit ihrem Geschlecht vorsichtig sein müssen. Die meisten kennen zu Beginn der Pubertät Klitoris und Schamlippen, aber wie sich ein Eindringen in die Scheide anfühlt, weiss vor dem ersten Geschlechtsverkehr kaum eine. Sexualität eignet man sich schrittweise an. Hirn und Erregungssystem können erst zusammen funktionieren, wenn sich durch Erfahrungen und Gefühle entsprechende Nervenbahnen und Muster im Gehirn gebildet haben. Sex ist wie Klavierspielen: Man muss üben, um besser zu werden.

  1. Faktor Lebensalter

    Männer haben in ihren Teenagerjahren den höchsten Testosteronspiegel und damit den stärksten Trieb, der dann im Lauf der Jahre kontinuierlich abnimmt. Frauen kommen sexuell erst etwa ab Mitte 20 in Fahrt. Zwischen 27 und 45 haben sie mehr sexuelle Fantasien, mehr One-Night-Stands und mehr Gelegenheitssex als jüngere oder ältere Frauen. Sie fantasieren in diesem Alter auch mehr über ausserehelichen Sex.

  1. Lust, unbewusst

    Wie jeder Trieb manifestiert sich auch der sexuelle auf zwei Ebenen: der körperlichen und der mentalen. Psychologische Experimente haben gezeigt, dass diese Ebenen beim Mann weitgehend deckungsgleich sind: Männer wissen meist genau, was sie wollen. Bei Frauen ist das nicht unbedingt der Fall: Körperliche Reaktionen müssen nicht ihrem subjektiven Empfinden entsprechen. Das heisst, sie können feucht werden, ohne dass sie das Gefühl haben, besonders erregt zu sein. Oder sie können Lust empfinden, ohne wirklich zu wissen, was sie wollen.

  1. Vielschichtige Lust

    Die wichtigste erogene Zone der Frau ist das Gehirn. Während das männliche Begehren vornehmlich auf visuelle Reize reagiert, reicht das bei Frauen selten aus. Das Bild einer nackten, männlichen Brust oder gar eines Penis allein bewirken wenig. Hingegen kann eine tiefe Stimme, ein maskuliner Duft, eine beiläufige Berührung oder alles zusammen Frauen in Fahrt bringen. Das ist einer der Gründe, warum Frauen viel stärker auf erotische Erzählungen als bloss auf Bilder reagieren. Geschichten setzen vielschichtige, psychische Reize in Gang und nähern sich damit dem Lustzentrum aus verschiedenen Winkeln.

  1. Überlagerte Lust

    Attraktivität setzt bei Männern wie auch bei Frauen das neuronale Programm für sexuelle Erregung in Gang. Noch bevor Frauen ihre Lust auf Sex bewusst wahrnehmen, wird sie von begleitenden mentalen Prozessen überlagert: Er sieht gut aus, aber ist er auch ehrlich, rücksichtsvoll und treu? Erklärt wird dies damit, dass eine Frau abschätzen können muss, welche Folgen es für sie haben könnte, wenn sie sich auf den Mann einlässt.

Unsere Gastautorin Michèle Binswanger schreibt für den "Tages-Anzeiger" und wurde 2010 als Journalistin des Jahres ausgezeichnet. Dieses Jahr hat sie mit "Fremdgehen – ein Handbuch für Frauen" ihr zweites Buch veröffentlicht, für welches sie Interviews mit Fremdgeherinnen führte, Sexologinnen befragte und berühmte Frauen ausfindig machte, die ihre Männer betrogen.

"Fremdgehen – ein Handbuch für Frauen", 256 S., Fr. 16.70, Ullstein

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