Das nervt mich an uns Millennials

Mit ihren 21 Jahren ist Text-Praktikantin Felicia eine typische Millennial. An sich selbst und ihren Freunden beobachtet sie seit einer Weile unliebsame Entwicklungen.

Von: Felicia Hofmann

Das nervt mich an uns Millennials
Bild: Felicia Hofmann Wie es sich für eine Millennial gehört, war Felicia schon auf einigen Reisen, hier in Kambodscha und Thailand.
24 Sep '17
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Ich bin eine Millennial. Eher ungern, kann man sagen, denn das Leben in dieser Generation ist manchmal ziemlich anstrengend. Ja, wir sind umweltbewusst, technisch versiert, politisch engagiert und vieles mehr. Es gibt aber ein paar Dinge, die ich mir anders wünschen würde:

  1. Wir vergessen, wie schön es Zuhause ist

     

    Mühe macht mir die weitverbreitete Ansicht unter Schweizer Millennials, überall auf der Welt sei es besser als zu Hause. Betreten Gäste unser kleines WG-Wohnzimmer, dreht sich das Gespräch meistens gleich sofort um die riesige Weltkarte an der Wand. Die ist natürlich aus Filz gefertigt und mit vielen farbigen Pins verziert. Aus entspanntem Ferien-Smalltalk entstehen bald laute Diskussionen darüber, welche Länder einen Besuch wert sind – welche nicht, ob für die Afrika-Reise nun einen Zusatzkoffer mit Bleistiften und Klamotten gepackt werden sollte. Das Ziel: Der ach so grauen, verklemmten Schweiz entfliehen und in Costa Rica oder so das Leben geniessen – natürlich verbunden mit ein bisschen Charity-Work.

    Mit dieser überall-ists-besser-als-hier-Einstellung, erklärt sich auch der Wettbewerb, den wir munter untereinander anheizen: Jeder will noch länger und noch weiter weg. Wer arbeitet beim besten Hilfswerk? Wer knüpft die meisten Kontakte mit den Locals? Dieser zwanghafte Individualismus macht uns alle gleich – und ist meist einfach ein anstrengendes Blabla. Wie erholsam und genauso schön das eigene Land, die eigene Wohnung oder die eigenen Freunde sein können, vergessen wir oft.

  1. Immer diese Deep-Talks

     

    Was mir auch ganz schön auf die Nerven geht, ist, dass wir uns dermassen wichtig nehmen. So gern ich auch diskutiere, mir fehlt entspanntes Geplauder und das Sprücheklopfen – denn das machen Millennials kaum, jedes Gespräch verlangt sofort nach erschöpfend viel Tiefgang. Mit dem Selbstverständnis einer sozialen Elite sehen wir es als Aufgabe, unsere Mitmenschen über politische Korrektheit aufzuklären, akribisch genau achten wir auf genderneutrale Formulierungen, die Wörter Schwarz und Weiss sind im Zusammenhang mit Menschen nicht mehr zu gebrauchen, das ist rassistisch.

    Die Regeln sind steif und der Druck gross – dabei gehen nicht nur ungezwungene Gespräche den Bach runter, sondern auch der Humor. Wir sollten uns doch nicht so ernst nehmen! Nicht jede Konversation muss in eine Diskussion über Umweltschutz und Flüchtlingspolitik münden, nur weil wir Angst haben, nicht reflektiert und engagiert genug rüberzukommen. Diese ständigen Deep-Talks verlangen mir ganz schön was ab.

  1. Ständig warten wir auf etwas Besseres

     

    Ebenfalls ein Millennial-Phänomen, das wir alle kennen: Unzuverlässigkeit. Meine Freunde – und ich eingeschlossen – leiden alle an einer starken Angst, etwas zu verpassen. So sind wir immer überall und doch nirgendwo. Termine und Dates lassen wir lieber offen, wie soll man auch im Vorherein wissen, ob man am Freitagabend Lust auf Party hat, oder vielleicht doch lieber nur chillen will? Versuche ich, ein Apéro mit Freunden zu planen, nimmt die Gruppe mit dem Näherrücken des Events exponentiell ab, am Schluss bin ich selbst nicht mehr sicher, ob ich nicht doch lieber zu meinen Eltern zum Znacht möchte.

    Insgeheim warten wir alle, ob nicht noch etwas besseres dazwischen kommt – dabei würde uns doch echt keine Zacke aus der Krone fallen, wenn wir mal ein paar Commitments eingehen würden. Freunde, Familie und Karriere werden es uns danken, der gemeinsame Wochenend-Trip ist ebenfalls leichter geplant.

Für die Zukunft will ich mir also ein paar Dinge vornehmen: Ich möchte Millennial sein und neugierig und eifrig bleiben, aber ich will mich von meiner Generation auch nicht unterkriegen lassen. Wir müssen aufhören, uns ständig dermassen unter Druck zu setzen. Wo geht da die Lebensfreude hin, die wir doch so unermüdlich zelebrieren? Ich will die Welt erkunden, aber auch mein Zuhause geniessen.

Ich will wieder Partynächten und Netflix-Abenden zusagen, ohne in letzter Minute das eine gegen das andere auszutauschen. Und ich will verdammt nochmal ohne feministische Gewissensbisse gelegentlich einen Blondinen-Witz erzählen können.

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